Pflege-Experte: „Stehen die Schuhe im Kühlschrank“, schrillen die Alarmglocken

Pflege-Experte: „Stehen die Schuhe im Kühlschrank“, schrillen die Alarmglocken

Je älter unsere Eltern und Großeltern werden, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie Pflege brauchen. Da kommen meist Angehörige ins Spiel. Pflegeexperte Markus Küffel verrät im Interview, wie Sie Hilfe für Verwandte organisieren – und wann Sie durchaus „Nein“ sagen dürfen.

FOCUS Online: Selbst wenn meine Eltern oder Großeltern jetzt noch fit sind. Wie stark kann ich davon ausgehen, dass sie irgendwann pflegebedürftig werden?

Markus Küffel: Das größte Risiko dafür, einmal pflegebedürftig zu werden, ist das Alter. Je älter wir werden, umso gebrechlicher wird der Körper. Da sind die Statistiken eindeutig. Wir brauchen im Alter irgendwann ganz allgemein Hilfeleistungen und meistens auch Pflegeleistungen.

„Man merkt als Angehöriger oft nicht, wie die Pflegebedürftigkeit immer weiterwächst“

So eine Pflegebedürftigkeit kann plötzlich durch einen Unfall oder Schlaganfall eintreten, oft geschieht es aber schleichend. Wie merke ich, ob ein Angehöriger pflegebedürftig ist?

Küffel: Grundsätzlich gibt es zwei Szenarien, durch die Menschen in die Pflegebedürftigkeit rutschen. Das eine ist das konkrete Ereignis wie ein Herzinfarkt oder ein großer Schlaganfall. Das stellt die Welt von heute auf morgen auf den Kopf. Aber viel häufiger ist der chronische Verlauf, den man als Angehöriger oft gar nicht bemerkt. Es fängt mit kleinen Hilfestellungen an, die wir alle von unseren Großeltern gut kennen. Denen geht man irgendwann im Haushalt zur Hand oder übernimmt die Einkäufe. Das sind im Grunde auch schon Pflegeleistungen, da sie die Eigenständigkeit einschränken – auch wenn es nicht gleich um Hilfe bei der Grund- und Körperpflege geht. Meist fängt es so mit kleinen Unterstützungsleistungen an und wird sukzessive dann immer mehr. Als Angehöriger merkt man oft nicht, wie die Dimension der Pflegebedürftigkeit dabei immer weiterwächst und einen irgendwann völlig vereinnahmt.

Was sind denn dann Warnsignale, die ich nicht übersehen sollte?

Küffel: Es gibt natürlich ganz eklatante Situationen, die einen wachrütteln. Das wäre zum Beispiel der Fall, wenn jemand seine Schuhe plötzlich statt in den Schuhschrank in den Kühlschrank stellt. Aber, dass allgemeine Hilfeleistungen mit der Zeit immer mehr werden, ist vielen oft nicht bewusst. Ich rate dann immer dazu, ein Pflegetagebuch zu führen. Da schreiben Sie auf, wie viel Zeit und persönlichen Einsatz Sie für jemanden aufbringen. Wenn Sie das vier bis sechs Wochen lang machen und es sich dann objektiv anschauen, fällt es den meisten wie Schuppen von den Augen. Da addieren sich dann schnell mal mehrere Stunden am Tag auf, die man vorher nicht so bemerkt hat.

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„Hilfe annehmen ist oft harte Überzeugungsarbeit“

So wie ich als Angehöriger eine schleichende Entwicklung nicht wahrnehme, so trifft das auch auf den Betroffenen zu. Wie überzeuge ich im Zweifel Angehörige, dass sie pflegebedürftig sind?

Küffel: Das ist sehr individuell. Viele Pflegebedürftige wollen von Beginn an ihre Angehörigen vor Überforderung schützen. Einige wollen zum Beispiel auch keine Körper- oder Intimpflege von Angehörigen annehmen. Einige Betroffene merken meist von selbst, wenn sie gebrechlich werden und beauftragen von sich aus einen Pflegedienst. Anderen ist das wiederum gar nicht bewusst. Da bedarf es einer harten Überzeugungsarbeit, dass solche Menschen anschließend Hilfe auch zulassen. Ich rate Angehörigen, ab einem bestimmten Punkt klar Tacheles zu reden, wenn sich Betroffene weigern, professionelle Hilfe anzunehmen. Zur Not muss man den Betroffenen auch mal eine Weile allein agieren lassen, damit er merkt, dass er Hilfe braucht.

Wie verbreitet ist die Vorstellung, Angehörige tatsächlich persönlich pflegen zu müssen, wenn von Pflege die Rede ist?

Küffel: Ich sage jedem Angehörigen: Sie haben die Selbstbestimmtheit, „Nein“ zu sagen. Gefühlt ist der Druck, den die Gesellschaft diesbezüglich ausübt, groß – gerade auf weibliche Angehörige – die Pflege der älteren Angehörigen wie Mutter oder Vater zu übernehmen. Aber jeder hat das Recht auf ein selbstbestimmtes und eigenständiges Leben. Niemand darf sich gezwungen fühlen, die Pflege von Angehörigen übernehmen zu müssen.

Gerade in der heutigen Zeit leben Verwandte oft nicht mehr unter einem Dach, nicht einmal mehr in derselben Stadt oder Region…

Küffel: Das Bild der klassischen Großfamilie gehört längst der Vergangenheit an und es ist illusorisch, wenn man weiter daran festhalten möchte. Kinder oder Verwandte wohnen heute oft Hunderte Kilometer entfernt. Damit ergibt sich oft gar nicht die Situation, dass Angehörige die Pflege übernehmen können – selbst, wenn sie bereit dazu wären.

Also pflege ich meinen Angehörigen auch, wenn ich einen Pflegedienst für ihn organisiere?

Küffel: Ich würde das eher als eine gemeinsame Verantwortung und Begleitung für einen Angehörigen betrachten. Selbstverständlich erfordert jede Pflegesituation immer auch eine ganze Menge Bürokratie, die erledigt werden will, die meistens dann von den Angehörigen übernommen wird. Und wenn Sie es so wollen, stellt auch dieser Teil einen Teil der Pflege dar.

„Viele Betroffene kennen gar nicht ihre Ansprüche“

Wie hoch ist der Bürokratie-Aufwand für die Pflege von Angehörigen?

Küffel: Es wäre schön, wenn alles mit zwei Formularen erledigt wäre. Wenn später erst einmal alles eingerichtet ist, dann hat man hinten raus meistens Ruhe. Aber ein Großteil der Betroffenen und Angehörigen kennt meist gar nicht alle Ansprüche, die sich für ihn zum Beispiel aus der Pflegeversicherung ergeben. Für viele ist auch der Antrag auf Pflegebedürftigkeit eine Hürde. Generell kann man sagen, dass wenn man alle Leistungen, auf die ein Anrecht nach dem Gesetz besteht, abrufen möchte, mit einem fast unüberwindbaren bürokratischen Aufwand verbunden sind.

„Die Pflegeversicherung erinnert an einen Flickenteppich“

Welche Leistungen sollte ich auf jeden Fall kennen?

Küffel: Die Pflegeversicherung ist die neueste Säule im Sozialversicherungssystem. Und seit ihrer Einführung hat sie so viele Reformen erlebt, dass sie nun an einen großen Flickenteppich erinnert. Das macht es für Laien schwer verständlich.  Die großen gängigen Leistungen sind das Pflegegeld, die Pflegesachleistungen für einen ambulanten Dienst und Leistungen für eine Heimunterbringung. Wenn die einmal beantragt und genehmigt sind, dann laufen die anschließend fast von allein.

Und bei anderen Leistungen?

Küffel: Da wird es ehrlich gesagt sehr kompliziert. Es gibt sehr viele individuelle Leistungen, die man beantragen kann. Man kann beispielsweise auch nicht in Anspruch genommene Leistungen teilweise auf andere Leistungskomplexe umwidmen. Da fangen Sie dann an Anträge zu stellen, Quittungen zu sammeln und an bestimmten Stellen richtig einzureichen. Betroffene haben da oft keine Chance, durchzublicken. Auch da kommen dann die Angehörigen helfend ins Spiel.

Welche Vorkehrungen sollte ich schon treffen, bevor ich oder ein Angehöriger zum Pflegefall wird?

Küffel: Eine gute und umfangreiche Vorsorge ist enorm wichtig. Hierzu gehört beispielsweise das Erstellen einer Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht genauso dazu wie die Überlegung, welche Betreuungsformen wohl am geeignetsten erscheint und die persönlichen Gewohnheiten am besten berücksichtigt. Gute Pflege in Deutschland kostet gutes Geld, aber die gesetzliche Pflegeversicherung ist eine Teilkasko-Versicherung. Die deckt einen guten Anteil der Pflegekosten ab. Für den verbleibenden Eigenanteil und für eine extra Portion Pflege lohnt es sich zum Beispiel, über eine private Pflegetagegeldversicherung nachzudenken.

Alten- und Pflegeheime waren in der Corona-Krise oft wegen vieler Krankheitsfälle und trauriger Todesgeschichten in den Medien. Welchen Wandel wird das im Umgang mit pflegebedürftigen Angehörigen auslösen?

Küffel: Ich vermittele mit meiner Firma osteuropäische Betreuungskräfte für deutsche Privathaushalte. Das sind meist Frauen, die für mehrere Monate bei einem Pflegebedürftigen einziehen, um ihn dort in seinem Alltag zu unterstützen. Diese Form der Betreuung erlebt seit Jahren einen enormen Zuwachs. Während wir sprechen, sind etwa 350.000 solcher Pflegekräfte im Einsatz – Tendenz steigend. Wir können die Anfrageflut oft gar nicht mehr bedienen. Die Menschen wollen zu Hause leben und auch gepflegt werden, selbst, wenn Heime oft gar nicht so schlecht sind wie ihr Ruf – und mit der Hilfe von Angehörigen allein funktioniert das tatsächlich nur sehr begrenzt.

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