Kortison: Wie Asthmaspray schwere Covid

Kortison: Wie Asthmaspray schwere Covid

Zwei Hübe morgens, zwei abends: Kortisonspray kann einer aktuellen Studie zufolge das Risiko für einen schweren Verlauf einer Coronainfektion um 90 Prozent reduzieren. Auch die Krankheitsdauer bei milden Verläufen könnte die Arznei um rund einen Tag verkürzen, wie Forscher um Sanjay Ramakrishnan von der britischen Universitätsklinik Oxford jetzt im Fachjournal »The Lancet« berichten.

Für Ihre Untersuchung hatten die Wissenschaftler 146 Coronapatienten, die seit durchschnittlich drei Tagen unter milden Symptomen wie Husten, Kopfschmerzen oder Fieber litten, zufällig zwei Gruppen zugeordnet. 73 Erkrankte erhielten die Standardbehandlung unter anderem mit Fieber- und Schmerzmitteln wie Paracetamol oder Ibuprofen, die anderen 73 Infizierten inhalierten zweimal täglich zwei Hübe des Glucocorticoids Budesonid (je 800 Mikrogramm). Die Studie lief von Juli bis Dezember 2020, eine Kontrollgruppe, die ein Placebo erhielt, gab es nicht.

Kürzer krank, weniger Fieber

Während aus der ersten Gruppe zehn Erkrankte aufgrund von heftiger werdenden Beschwerden eine Notfallaufnahme aufsuchen oder ins Krankenhaus aufgenommen wurden mussten, war es in der Gruppe, die täglich zweimal das Budesonid inhalierte, nur eine betroffene Person. Die Arznei reduzierte das relative Risiko für einen schweren Verlauf demnach um 90 Prozent.



Auch bei den Selbstangaben der Patienten zeigte sich, dass sich die Teilnehmer der Budesonid-Gruppe einen Tag schneller wieder erholten als die Gruppe mit der Standardtherapie – ihnen ging es bereits nach sieben und nicht erst nach acht Tagen wieder besser. 14 Tage nach Beginn der Symptome hatten noch sieben Patienten aus der Kortisongruppe Beschwerden gegenüber 21 in der Vergleichsgruppe. Acht Teilnehmer der Budesonidgruppe hatten mindestens einen Tag Fieber verglichen mit 16 Probanden in der zweiten Gruppe.

Hinzu kommt, dass inhalierte Kortisonpräparate – im Gegensatz zur Einnahme in Tablettenform oder als Infusion – kaum Nebenwirkungen haben. Zu unerwünschte Wirkungen zählen etwa vermehrte Pilzinfektionen im Mund. In der aktuellen Studie klagten vier Patienten über einen trockenen Hals und ein Proband über Schwindel.

Finanziert wurde die Studie vom National Institute for Health Research und dem Pharmakonzern AstraZeneca. Einige der Autoren berichten, von verschiedenen Pharmaunternehmen – darunter auch AstraZeneca – finanzielle Unterstützung bekommen zu haben. Die Wissenschaftler geben an, dass die Geldgeber keinen Einfluss auf das Studiendesign, die Datensammlung und -analyse, die Interpretation oder die Publikation gehabt haben.

Wie die Mittel wirken, ist aus der Asthmatherapie lange bekannt. Dort werden Kortikoide als Dauerbehandlung meist morgens und abends inhaliert, denn die Arznei kann Entzündungen lindern, so dass die Schleimhäute abschwellen und weniger Luftnot entsteht. Dieser Mechanismus macht auch die Wirkweise im Zusammenhang mit einer Coronainfektion plausibel: Wird die heftige Entzündungsreaktion in den Atemwegen gehemmt, könnten möglicherweise viele Fälle von Atemnot und Atemversagen verhindert werden.

Karl Lauterbach twitterte zu der Studie: »Es gibt kaum Nebenwirkungen. Insgesamt wurde Budesonid 7 Tage genommen. Dosierung ist nicht sehr hoch und wird durch 2xInhalieren/Tag erreicht. Ich kenne einige Ärzte, die bereits diese Strategie verfolgen. Ich würde dies als Hausarzt auf Grundlage der vorliegenden Daten, ohne Kontraindikation, auch tun.«

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Auf die Idee für ihre Studie waren die Wissenschaftlerinnen gekommen, als erste Analysen aus China zeigten, dass unter den Coronapatienten mit schweren Verläufen weniger waren, die unter Asthma oder der Lungenkrankheit COPD litten. Um diese Erkenntnis zu überprüfen und mögliche Ursachen zu finden, starteten sie ihre Untersuchung.

Seit vielen Jahren sei bekannt, schreiben die Autoren im »Lancet«, dass »inhalierte Glukokortikoide eine Verschlimmerung von Asthma durch Virusinfektionen verringern können«. Auch sei im Labor nachgewiesen worden, dass Budesonid die Vermehrung von Rhinoviren hemmen könne.

Zudem ist aus der Forschung während der Corona-Pandemie bekannt, dass das Glukokortikoid Dexmethason bei sehr schweren Verläufen einen positiven Effekt haben kann. Das Robert Koch-Institut schreibt in ihren Empfehlungen zur medikamentösen Therapie bei Covid-19, die Arznei solle »bei jeder Form der Sauerstoffgabe und einer Krankheitsdauer von ≥ 7 Tage« gegeben werden.


»Inhaliertes Budesonid ist eine einfache, sichere, gut untersuchte, kostengünstige und weit verbreitete Behandlung«, schreiben Ramakrishnan und sein Team. Der Untersuchung zufolge müssten acht Menschen behandelt werden, um bei einem Patienten einen schweren Verlauf zu verhindern. In Kombination mit der kurzen Behandlungsdauer, geringen Nebenwirkungen und vergleichsweise niedrigen Kosten sei das Mittel besonders geeignet für Interventionen gegen Covid-19 – auch in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen.

Einschränkend betonen die Wissenschaftler jedoch, dass in ihrer Studie eine Placebokontrolle fehle, was die Aussagekraft der Untersuchung einschränke. Zudem waren die Studiengruppen mit je 73 Probanden relativ klein, so dass sich eine Überprüfung der Ergebnisse in einer größeren Analyse anschließen müsste.

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