Bad Salzuflen: Wie eine Arzt

Bad Salzuflen: Wie eine Arzt

Lars Dannenberg, Arzt
»Jetzt geht’s los. Wir lassen jetzt gleich rein. Ihr seid so weit am Check-In? Wunderbar. Du bist auch klar, Bernd? Alles klar.«

Ortsmarke: Bad Salzuflen, Nordrhein-Westfalen

Es ist eine logistische Herausforderung: Doktor Lars Dannenberg betreibt ein Impfzentrum in Eigenregie.

Lars Dannenberg, Arzt
»Troubleshooting. Irgendwas ist wieder nicht so gelaufen, wie es hätte laufen sollen. Aber so ist das ja öfter mal.«

Lars Dannenberg, Arzt
»Ich erwarte, dass wir heute möglichst viele Leute impfen können, die woanders nicht geimpft werden können. Weil: Je mehr sich schnell impfen lassen, umso besser ist das für alle.«

Lars Dannenberg ist eigentlich Dermatologe, seine größten Herausforderungen werden heute: Technische Pannen und schwer nachvollziehbare Sonderwünsche. Damit sein Impfzentrum läuft, muss er überall sein.

»Wo ist denn die Security? Wir wollen um 10 Uhr aufmachen.»

»Der steht gerade am Check out. Er kommt.«

»Ja, der soll hier stehen, bitte.«

In den Messehallen in Bad Salzuflen wird seit dem 24. November an sieben Tagen in der Woche geimpft. Die gute Verkehrsanbindung zieht Menschen aus der gesamten Region an.

Lars Dannenberg, Impfzentrumsleiter
»So, einen wunderschönen guten Morgen zusammen! Die Schlange ist ja schon lang, das ist ja schon gut. Wir holen jetzt einmal das Schild raus, wenn Sie so nett sind und einmal die Tür halten?«

»Ich glaube, das hat jeder schon gesehen, dass hier der Eingang ist!«

»Ordnung ist das halbe Leben und im Impfzentrum das Ganze!«

Rund einhundert Menschen warten bereits um 10 Uhr auf den Einlass, um sich eine Erst-, Zweit- oder eine Booster-Impfung zu holen.

»Spontan erfahren, dass ich hier heute hinkommen kann, ohne Termin. Wunderbar.«

»Und vor allem geht es schnell. Hätte ich nie gedacht.«

»Ich mache jetzt die dritte Impfung, damit ich meinen Schutz zu Weihnachten auch habe, wenn man Oma und Opa trifft. «

Reporterin
»Warum kommen Sie hierher und sind nicht beim Hausarzt?«

»Der hat erst Termine im Februar, März. Also später.«

»Vor Januar auf keinen Fall einen Termin.«

Reporterin
»Darf ich Sie fragen, wie alt Sie sind?«

»76.«

Die meisten Menschen, die heute hier sind, wollen sich boostern lassen. Das geht hier auch vor der von der Stiko empfohlenen Frist von sechs Monaten nach der Zweitimpfung. Lars Dannenberg führt sein Impfzentrum wie einen Familienbetrieb.

Lars Dannenberg, Dermatologe und Impfzentrumsleiter

Lars Dannenberg, Impfzentrumsleiter
»Meine Schwester ist auch Kollegin, die ist Nephrologin, mein Bruder ist Internist, wir sind so eine kleine Ärztefamilie und haben genug Manpower, und haben gesagt: Wir brauchen größere Räumlichkeiten. Dann sind wir auf die Messe ausgewichen, weil wir wiederum Kontakte hatten zu einem guten Freund, der den Chef der Messe kennt, das heißt wir sind letztlich einfach nur eine große Praxis und haben dieses Impfzentrum komplett privat organisiert, privat strukturiert. Wir haben keine Hilfe von außen.«

Die Idee dazu hatte Heinrich Dannenberg, der Vater. Er ist Internist, könnte schon lange im Ruhestand sein. Das »Familien-Impfzentrum« ist für ihn eine Herzensangelegenheit.

Heinrich Dannenberg, Internist
»Wir kriegen viel, von denen, die da waren, ein Lob und Anerkennung dafür. Das motiviert uns immer mehr. Da sind wir schon ein bisschen stolz drauf, ist richtig. So jetzt muss ich wieder, die Arbeit ruft. Da kommen die nächsten Schübe wieder ran. Dann geht die Fragerei wieder los. Dann kommt der Nächste mit seinem Theater: Biontech ja oder nein?«

Was ihn nervt, sind Menschen, die darauf bestehen, sich mit Biontech impfen zu lassen – auch wenn für sie derzeit Moderna als Booster-Impfung vorgesehen ist.

Heinrich Danneberg, Internist
»Oder anders: Sie haben da einen besseren, intensiveren Wirkstoff. Von einem Polo auf einen Golf vorrückend, beides VW. Sie machen also keinen Fehler dabei.«

Dannenberg versucht auch mit bildlichen Vergleichen zu erklären, weshalb beide Impfstoffe gleichwertig sind. Manchmal ohne Erfolg.

»Ja, ich wollte mit Biontech geimpft werden und das ist leider nicht vorhanden.«

Reporterin
»Und was machen Sie jetzt?«

»Ja, ich versuche es woanders.«

Heinrich Dannenberg, Internist
»Viele haben das Gefühl, Moderna sei ein Ladenhüter, der unter die Leute geworfen werden muss. Das ist völlig irre.«

Das führt hier öfter zu emotionalen Diskussionen.

»Vor allem: Weihnachten steht vor der Tür, wir wollten endlich mit der Familie auch mal wieder zusammen feiern können, aber das funktioniert jetzt wieder nicht. Ich bin schon tausend Kilometer bald gefahren, ich fahre überall hin und versuche was zu bekommen. Dann nehme ich lieber gar keinen, weil Biontech haben wir zweimal vertragen mit leichten Nebenwirkungen und ein neues Experiment probiere ich nicht mehr. «

Heinrich Dannenberg, Internist
»Das erschwert uns die Arbeit. Man redet fünf Minuten und am Ende bleibt doch nichts über. Die haben die Wahl zwischen ja oder nein. Dann gehen manche halt wütend weg, aber das können wir nicht ändern.«

Ruhige Minuten gibt es für Doktor Dannenberg Senior selten, auch weil er derzeit eigentlich zwei Jobs macht.

Heinrich Dannenberg, Internist
»Wir fahren zum Einsatz, ne? Eine Frau mit Schmerzen in der Wade. Okay, ich komme gleich raus, ne? Weil ich heute normal Notdienst auch parallel laufen habe und den nicht vernachlässigen darf.«

Der Notruf kommt zur passenden Zeit, denn gegen Mittag wird es plötzlich leer im Impfzentrum. Kaum Impflinge, keine Schlangen. Was ist passiert?

Lars Dannenberg, Impfzentrumsleiter
»Im Moment ist es ruhig, genau, was der Tatsache geschuldet ist, dass wir vom Fraunhofer Institut ein Tablet haben, wo wir für die Patienten die Wartezeit ermitteln können. Da kann man dann immer die Wartezeit anpassen, damit im Internet nachgeguckt werden kann: Wie lange müsste ich hier jetzt warten, wenn ich mir die Impfung abhole? Und dieses Gerät war heute Morgen noch nicht an. Und wenn das nicht an ist, dann steht da: geschlossen. Das ist richtig doof, genau.«

Und schlecht fürs Geschäft ist es auch, die Dannenbergs bezahlen rund 35 Mitarbeiter, um am Tag bis zu 700 Menschen zu impfen. Sie arbeiten normalerweise in Arztpraxen, als Außendienstler oder sind noch im Studium. Pro Impfung zahlen die Krankenkassen 28 Euro, an Wochenenden und Feiertagen kommen acht Euro Zuschlag dazu.

Reporterin

»War das für Sie ein finanzielles Risiko?«

Heinrich Dannenberg, Internist

»Wenn Sie so wollen ja, wir müssen alles vorfinanzieren. Wir haben nicht eine Mark vom Kreis bekommen, aber ich sage es ganz offen, wenn man das durchrechnet, es bleibt noch etwas über.«

Mittlerweile hat sich die Messehalle auch wieder gefüllt, alles läuft nach Plan. Nicht alle, die sich hier impfen lassen wollen, tun das leichtfertig.

»Darf ich fragen, wie alt die Kinder sind?«

»Die sind jetzt zwölf. Nein, 13! Gestern geworden! So eine Entscheidung für mich kann ich gut fällen. Das für andere Menschen zu tun, fällt mir halt schwerer.«

»Aber haben Sie auch Angst vor der Impfung?«

»Ja! Ja, hab ich! Ganz viel!«

»Warum?«

»Kann ich Ihnen nicht sagen. Wir haben ja früher auch nicht so wirklich über Impfungen nachgedacht. Ich glaube, es ist einfach im Moment zu viel im Gespräch und zu viele Informationen, die man als Normalperson ja einfach gar nicht auseinanderhalten kann. Ich glaub, das macht mir Angst.«

Und so müssen die Dannenbergs auch regelmäßig beruhigen. Und immer wieder aufklären.

»Nach neuestem Stand der Wissenschaft sieht es so aus, dass diese Kreuzung der Impfstoffe Biontech und Moderna effektiver ist als dreimal Biontech. Das ist eine gute Entscheidung für Ihre Gesundheit, das können Sie mir glauben.«

Lars Dannenberg
»Wir haben am 30. September die Impfzentren geschlossen und waren unisono der Meinung: Das ist jetzt toll so, der Rest passt schon irgendwie. Und keine sechs Wochen später stampfen wir mit wahnsinnig viel Aufwand neue aus dem Boden, und impfen am Impfbus, und die Leute frieren drei Stunden – da muss man sich die Frage stellen: Konnte man das nicht absehen? Und ich bin der Meinung, vieles war absehbar, wurde aber durch die Politik nicht entsprechend frühzeitig umgesetzt.«

»Schön locker lassen.«

An diesem Tag impfen die Dannenbergs und ihr Team trotz kleiner Pannen 550 Menschen.

»Dann war es das auch schon.«

An der letzten Station: Erleichterung.

»Sie hatten ja Angst, wie geht es Ihnen jetzt?«

»Jetzt geht es mir gut.«

Lars Dannenberg, sein Vater und das Team wollen weitermachen in der Messehalle in Bad Salzuflen und so viele wie möglich von der Impfung überzeugen. Der Mietvertrag läuft noch bis Ende Februar, mindestens.











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