Warum es neben der Hospitalisierungsrate noch weitere Faktoren braucht

Warum es neben der Hospitalisierungsrate noch weitere Faktoren braucht

Immer mehr Menschen in Deutschland sind geimpft und haben nur noch ein geringes Risiko für schwere Corona-Verläufe. Die Inzidenz als alleiniger Faktor in der Pandemie hat damit ausgedient, bleibt aber als weiterer Corona-Richtwert erhalten. Warum ist das so? Und welche Werte rücken nun in den Fokus?

Künftig soll die sogenannte Hospitalisierungsrate die maßgebliche Rolle bei der Bewertung des Infektionsgeschehens spielen, wie der Bundestag am Dienstag in der Neufassung des Infektionsschutzgesetzes beschlossen hat. Der Wert berücksichtigt, wie stark die Krankenhäuser ausgelastet sind und errechnet sich aus der Zahl der aufgenommenen Corona-Patienten je 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen. Die Klinik-Inzidenz erfasst vor allem schwere Verläufe – leichtere Erkrankungen, bei denen kein Klinikaufenthalt nötig ist, fließen nicht in die Statistik ein. Zeichnet sich eine drohende Überlastung der Kliniken ab, können die einzelnen Bundesländern regional gegensteuern und beispielsweise neue Auflagen erlassen.

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Das Robert Koch-Institut (RKI) weist die Hospitalisierungsrate bereits seit längerem in seinen täglichen Lageberichten aus. 638 Covid-Patienten wurden zuletzt binnen 24 Stunden neu in die Kliniken aufgenommen, wie aus dem aktuellen Bericht hervorgeht. Die bundesweite Hospitalisierungsrate liegt damit bei 1,79 je 100.000 Einwohner.

Länder bestimmen über kritische Schwellenwerte

Der bundesweite Wert wird allerdings keine große Rolle spielen, wenn es darum geht, neue Maßnahmen zu ergreifen. Das liegt künftig in der Verantwortung der Länder. Sie können die Grenzwerte selbst festlegen und sich an den regionalen Krankenhauskapazitäten orientieren. Bayern hat beispielsweise ein Ampelsystem angekündigt. Ab einer Hospitalisierungsrate von 1200 Patienten binnen sieben Tagen springt die Ampel auf gelb, was strengere Corona-Regeln zur Folge hat.

Die "Klinik-Inzidenz" als alleiniger Richtwert ist aber nicht unumstritten, da sie unter anderem nicht das Risiko für "Long Covid" berücksichtigt. Außerdem spiegelt sie nicht das aktuelle Infektionsgeschehen wider. Menschen, die mit schweren Verläufen in ein Krankenhaus kommen, haben sich bereits mehrere Tage zuvor angesteckt. Wird nur auf die Zahl der Klinikeinweisungen geachtet, könnten gegensteuernde Maßnahmen möglicherweise zu spät greifen, befürchten Kritiker. Aus diesem Grund soll auch die bekannte Sieben-Tage-Inzidenz der Neuinfektionen als aktueller und zusätzlicher Faktor weiter berücksichtigt werden. Allerdings soll sie fortan keine so wichtige Rolle spielen wie in den letzten Monaten.

Die Inzidenz hatte zuletzt zunehmend an Aussagekraft verloren, was vor allem an der steigenden Zahl der Impfungen liegt: Zwar können sich Geimpfte in seltenen Fällen weiterhin mit dem Virus anstecken. Sie erkranken aber meist nur mild. Die Folge: Selbst bei höheren Fallzahlen ist die Zahl der schwerkranken Covid-19-Patienten, die auf eine Behandlung im Krankenhaus angewiesen sind, niedriger als bei vergleichbaren Inzidenzen im vergangenen Jahr. Das erlaubt gewissermaßen höhere Fallzahlen, wenn auch nicht unbegrenzt – gerade mit Blick auf Bevölkerungsgruppen, die noch nicht geimpft sind.

Impfquote rückt in den Fokus

Ein wichtiger Faktor, auf den es zusätzlich ankommt, ist entsprechend die Impfquote. Auch sie soll künftig als weiterer Richtwert berücksichtigt werden. Die Intensivmediziner-Vereinigung Divi hat kürzlich auf den Zusammenhang zwischen Inzidenz, Impfquote und der Zahl der Intensivbetten-Belegung hingewiesen: "Bereits ab Inzidenzen von 200/100.000 ist wieder eine erhebliche Belastung der Intensivstationen mit mehr als 3000 Covid-19-Patienten zu erwarten, sofern die Impfquote nicht noch deutlich gesteigert wird", heißt es in einer Veröffentlichung zum Thema.

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Zwischen einzelnen Bundesländern gibt es große Unterschiede. Schlusslichter sind vor allem östliche Bundesländer. So waren in Sachsen laut Zahlen des Robert Koch-Instituts bis einschließlich Montag 52,6 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft – in Bremen dagegen 71,5 Prozent. Auch Brandenburg, Thüringen und Sachsen-Anhalt liegen unter dem Bundesdurchschnitt von 61,4 Prozent. Diese Unterschiede sind nicht leichtfertig zu sehen: "Wenige Prozentpunkte in der Impfquote haben eine erhebliche Auswirkung auf die potenzielle Intensivbelegung im Herbst", heißt es in der Veröffentlichung weiter.

Als weiterer Faktor bleibt deshalb auch die Lage auf den Intensivstationen wichtig. Hier liefert die Hospitalisierungsrate kein eindeutiges Bild, da sie alle Covid-19-Klinikeinweisungen erfasst, nicht nur diejenigen auf Intensiv. Aktuell sind nach Angaben des Divi-Registers 1388 Covid-Patientinnen und -Patienten auf eine intensivmedizinische Versorgung angewiesen – Tendenz steigend. Der bisherige Höchstwert der Pandemie wurde Anfang Januar 2021 mit 5.762 Fällen erreicht. Viele Intensivstationen meldeten daraufhin nur noch einen "eingeschränkt" möglichen Betrieb. 

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