Ungewöhnlich viele Kinder erkältet: Bei welchen Symptomen Eltern zum Arzt gehen sollten

Ungewöhnlich viele Kinder erkältet: Bei welchen Symptomen Eltern zum Arzt gehen sollten

Lockdown, Masken, Abstand – die Maßnahmen während der Pandemie haben auch verhindert, dass sich Atemwegserkrankungen jenseits von Covid-19 ausbreiten. Das scheint sich jetzt zu rächen: Immer mehr Kinder erkranken am sogenannten RS-Virus. Wir zeigen, was dahintersteckt und wie Sie Ihre Kinder schützen.

RSV steht für Respiratorisches Synzytial-Virus. Es handelt sich dabei um einen weltweit verbreiteten Erreger, der eine Erkrankung der oberen und unteren Atemwege verursacht und jedes Jahr eine Erkrankungswelle verursacht – ähnlich wie die Grippe. Der Erreger befällt zwar Menschen jeden Lebensalters, zählt aber bei Säuglingen und Kleinkindern zum Hauptverursacher von Atemwegserkrankungen.

Normalerweise tritt die RSV-Welle von November bis April mit Peaks in Januar und Februar auf. Doch Corona hat vieles verändert. Lockdown, Ausgangssperren, Schul- und Kindergartenschließungen haben eine übliche saisonale Ausbreitung von RSV im letzten Winter verhindert. "In der Regel begegnen Kinder jedes Jahr RSV und bauen dabei einen gewissen Immunschutz auf", heißt es seitens des Robert-Koch-Instituts (RKI). Diese Hilfe bei der Abwehr der Erreger fehle jetzt, weil es im letzten Winter wegen der Corona-Maßnahmen fast keine RSV-Erkrankungen gab. Die Folge: Besonders viele Kinder erkranken gerade am RS-Virus.

"In der Regel sind es leichte Erkältungsinfekte"

Bei den meisten verläuft die Infektion mild. "Wir sehen sehr wenig schwer kranke Kinder. In der Regel sind es leichte Erkältungsinfekte", erklärte Kinderärzte-Sprecher Jakob Maske schon im Juli im FOCUS-Online-Gespräch. privat

Damals beobachteten Mediziner die erste RSV-Welle des Jahres. Jetzt ist die Zahl der betroffenen Kinder noch einmal deutlich gestiegen. Viele von ihnen haben einen leichten Verlauf. Weil die Gesamtzahl der infizierten Kinder aber so hoch ist, steigt inzwischen auch die absolute Zahl der schweren Verläufe, die es in seltenen Fälle eben auch gibt, stark an. 

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Doppelt so viele Kinder im Krankenhaus als vor Corona

So berichtet das RKI aktuell von einem deutlichen Anstieg der Krankenhauseinweisungen bei ein- bis vierjährigen Kindern mit RSV. Im Monat September seien vor der Pandemie circa 60 bis 70 Kinder in Krankenhäusern in Deutschland behandelt worden – im September 2021 waren es doppelt so viele.

"Es gibt leider im Moment eine Zuspitzung", bestätigt auch Jakob Maske. "Wir haben etwas mehr kranke Kinder als sonst zu dieser Zeit und immer weniger Betten in den Kinderkrankenhäusern, weil Personal fehlt." Maske zufolge ist es schon jetzt sehr mühsam, kleine Patienten stationär unterzubringen. Hintergrund sei auch, dass zu wenige Kinderkrankenpflegerinnen und -pfleger ausgebildet würden.

"Die Kinderkliniken sind sehr früh zugelaufen", sagte auch der Kinderarzt Thomas Buck aus Hannover, Vorstandsmitglied der niedersächsischen Ärztekammer. Patienten von ihm hätten schon in rund 40 Kilometer entfernte Kliniken im Umland ausweichen müssen.

Weiterer Anstieg im Herbst und Winter zu erwarten

Dass ein weiterer Anstieg der RSV-Fälle zu erwarten ist, davon gehen auch Infektionsforscher aus: „Es gibt wahrscheinlich eine ganze Geburtskohorte, die keinerlei Erstimmunität entwickelt hat“, sagte Berit Lange vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung gegenüber dem „Spiegel“. Eine Verdopplung des Infektionsgeschehens gegenüber einem normalen Winter sei deshalb zu erwarten.

Größere RSV-Ausbrüche unter Kindern wurden bereits im Mai aus Israel und in den Sommermonaten in den USA, Australien und Japan gemeldet. Das RKI mahnte deshalb schon im Sommer an, sich auf ein ähnliches Szenario hierzulande vorzubereiten.

Das sind die RSV-Symptome bei Kindern

Während bei Erwachsenen erkältungsähnliche Symptome wie Schnupfen, Husten, Halsschmerzen und Fieber auftreten können, verläuft die Infektion bei Säuglingen und Kleinkindern teils deutlich schwerer – gerade, wenn sie zum ersten Mal mit dem Erreger in Berührung kommen.

Nach der Infektion der oberen Atemwege kommt es innerhalb von zwei bis drei Tagen in der Regel zu einer Infektion der unteren Atemwege, so dass sich eine schwere Bronchitis oder eine Lungenentzündung entwickeln kann. Weitere Symptome sind

  • eine schnelle Atmung
  • Husten
  • ein verringerten Sauerstoffgehalt im Blut sowie
  • eine Trinkverweigerung.

Wegen des sich schnell verschlechternden Allgemeinzustand müssen Kinder bei einem schweren Verlauf oft im Krankenhaus behandelt werden. Laut RKI kommt es in fünf Prozent der Fälle zu einem keuchhustenähnlichen Krankheitsbild. Auch eine Beatmung kann in seltenen Fällen nötig sein.

Schwerer RSV-Verlauf: Jungen doppelt so häufig betroffen wie Mädchen

Besonders gefährdet für einen solchen schweren Verlauf sind dabei Frühgeborene, deren Lunge noch nicht vollständig ausgereift sind und Säuglinge in den ersten sechs Lebensmonaten.

Auch das Geschlecht spielt bei der Schwere des Verlaufs eine Rolle: So sind laut RKI Jungen doppelt so häufig davon betroffen wie Mädchen. Die Gründe dafür sind noch nicht geklärt. Auch Vorerkrankungen von Herz und Lungen sind Risiken für einen schweren Verlauf.

Atemnot und Atemgeräusche: Wann muss ich mit meinem Kind zum Arzt?

Nach der Infektion dauert es im Schnitt fünf Tage bis die ersten Symptome auftreten. Meistens beginnt alles harmlos mit eine Schnupfen, Husten und Halsschmerzen. Auch eine Bindehautentzündung im Auge sowie eine Mittelohrentzündung können begleitend auftreten.

Die Gefahr beginnt meistens nach drei Tagen, wenn sich die Erkrankung auf die unteren Atemwege ausweitet und der Husten sich verschlimmert. Kommt es zu pfeifenden Atemnebengeräuschen, deutet dies bereits auf eine Bronchitis hin.

Vor allem wenn Kinder anfangen, schwer zu atmen, müssen Eltern schnell handeln. "Eine schnelle, angestrengte Atmung ist ein Warnzeichen", erklärt Johannes Liese, Leiter des Bereichs pädiatrische Infektiologie und Immunologie am Universitätsklinikum Würzburg dem "Spiegel". Die Kinder hätten dann Schwierigkeiten genügend Luft zu bekommen – häufig bewege sich dabei der Brustkorb nach innen. Eltern sollten dann sofort mit Ihrem Kind zum Arzt gehen.

Wenn Fieber über drei bis vier Tage anhält, sollte das abgeklärt werden

Bei nur leichten Symptomen ist das nicht notwendig, sagt Kinderarzt Jakob Maske. Nur bei bestimmten Altersgruppen mahnt er zu Vorsicht: "Sehr kleine Kinder bis zwei, drei Monate, würden wir natürlich auch bei einem harmlosen Infekt sehen wollen. Bei älteren Kindern können Eltern auch erst einmal abwarten." Wenn es den Kindern allerdings zunehmend schlecht gehe, wenn sie schlapp seien, nicht mehr essen und trinken würden, dann sollten die Eltern sie ebenfalls sofort vorstellen, schildert Maske.

"Und natürlich dann, wenn Fieber länger anhält. Unsere Schmerzgrenze liegt da so bei drei bis vier Tagen. Und natürlich auch, wenn das Fieber besonders hoch ist", führt der Mediziner aus. "Nicht, weil wir Angst vor dem Fieber haben. Sondern weil das besonders hohe Fieber gelegentlich ein Hinweis darauf ist, dass es sich um eine bakterielle Entzündung handelt und nicht um eine virale. Und das muss behandelt werden."

Händewaschen und andere Maßnahmen: So schützen Sie Ihr Kind

Ähnlich wie bei anderen Atemwegserkrankungen verläuft die Übertragung von RSV hauptsächlich über Tröpfchen, die Infizierte ausatmen, aushusten oder niesen. Bei RSV spielt aber auch die Schmierinfektion eine Rolle, da der Erreger auf Oberflächen überleben kann: Laut RKI bis zu 20 Minuten auf Händen, 45 Minuten auf Papierhandtüchern sowie mehrere Stunden auf Kunststoffoberflächen.

Da Erwachsene häufig bei einer Infektion nur leichte Symptome haben oder auch asymptomatisch sein können, geben sie es häufig, ohne es zu merken, an Kinder weiter. Um dies zu vermeiden, helfen Hygienemaßnahmen wie häufiges Händewaschen sowie die Reinigung von besonders häufig benutzter Oberflächen.

Gerade im Winter, wenn die Infektionsgeschehen mit RSV noch weiter zunimmt, sollten Eltern erwägen, gefährdete Säuglinge von Kitakindern soweit dies möglich ist, fernzuhalten.

Bisher keine Impfung oder Medikament gegen RSV

Bisher existiert weder ein Impfstoff noch ein Medikament, die eine Erkrankung durch das Virus verhindern können. Die einzige Möglichkeit, die es bisher zu Vorbeugung einer Erkrankung gibt, ist eine passive Impfung mit Antikörpern. Laut RKI sei dies allerdings ein sehr aufwendiges Verfahren, das bisher nur für Risikopatienten empfohlen ist.

Bei einem schweren Verlauf können nur einzelne Symptome gelindert werden – wie etwa die Erleichterung der Atmung durch die Gabe von Sauerstoff. Wenn es zu keinen weiteren Komplikationen kommt, müssten erkrankte Kinder meistens zwischen drei und sieben Tagen im Krankenhaus bleiben, erklärt Johannes Liese gegenüber dem "Spiegel" weiter. Die meisten Kinder erholten sich zwar komplett, das Risiko, dass es bei der nächsten Virusinfektion wieder zu einer Verengung der Atemwege käme erhöht – dies lege sich aber im Grundschulalter.

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