Schulen offen, Skibetrieb läuft weiter: Der Sonderweg Schwedens in der Corona-Pandemie

Schulen offen, Skibetrieb läuft weiter: Der Sonderweg Schwedens in der Corona-Pandemie

Schweden geht im Gegensatz zu Deutschland und den meisten anderen EU-Ländern mit deutlich mehr Freizügigkeit für seine Bürger gegen die Coronavirus-Krise vor. In den anderen skandinavischen Ländern sorgt der Weg für Kopfschütteln. Auch in Schweden selbst wird die Unruhe größer.

Schweden geht in der Corona-Krise einen Sonderweg: Kindergärten und Grundschulen bis zur neunten Klasse sind anders als Gymnasien und Unis weiter offen. Das Gleiche gilt für Restaurants, Kneipen und Cafés, die ihre Gäste seit kurzem aber nur noch am Tisch bedienen dürfen. Die Skigebiete sind ebenfalls weiter geöffnet, die Staatsgrenzen für Nicht-EU-Bürger dicht, nicht aber für Europäer.  Ich brauche Hilfe Ich möchte helfen  
 

Schweden ohne extreme Maßnahmen

Schweden ist das einzige EU-Land ohne extrem scharfe Maßnahmen gegen Covid-19. Der Kontrast zu dem strikten Vorgehen der skandinavischen Nachbarn Dänemark und Norwegen und auch zu Deutschland könnte kaum größer sein. Aus dem In- und Ausland kommt immer häufiger die Frage auf: „Nimmt Schweden Corona nicht ernst genug?“

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Das Virus breitet sich im Vergleich zu anderen Ländern in Schweden relativ langsam aus. Bislang gibt es mehr als 3000 bestätigte Infektionsfälle. Mehr 90 Menschen sind an Covid-19 gestorben, davon etwa zwei Drittel in Stockholm. Dort nimmt die Zahl der Todesfälle seit Tagen zu, von Dienstag auf Mittwoch verdoppelte sie sich in 24 Stunden beinahe von 19 auf 37. Im Gegensatz dazu steht Norwegen bei knapp 4000 Infizierten, Dänemark bei ungefähr 2.200.

Epidemiologe Tegnell polarisiert

Anders Tegnell ist für Schweden das, was der Virologe Christian Drosten für die Bundesrepublik ist: Der oberste Epidemiologe in Stockholm ist derzeit der gefragteste Mann im Land, omnipräsent auf allen Kanälen. Fast jeden Tag tritt er um 14 Uhr vor die Presse und berichtet über die Entwicklung der Corona-Pandemie in Schweden. dpa Der schwedische Staatsepidemiologe Anders Tegnell

Weit auseinander gehen die Meinungen über ihn und seine Empfehlungen: Bisher ist die schwedische Politik um Regierungschef Stefan Löfven den Empfehlungen des Epidemiologen gefolgt. Auch in der Bevölkerung gibt es noch große Teile, die Tegnell folgen. Andere wundern sich dagegen immer mehr, warum Schweden eine ganz andere Linie fährt als seine Nachbarn und EU-Partner.

Die Ziele im Kampf gegen das Coronavirus Sars-CoV-2 sind dabei dieselben wie andernorts: Die Virusausbreitung soll abgebremst werden, damit nicht zu viele Menschen gleichzeitig schwer erkranken und die Gesundheitssysteme überfordert werden. Die Folgen für Wirtschaft und Bürger sollen zudem aufgefangen werden.

Zwei schwedische Grundregeln

Tegnell bezieht sich immer wieder auf zwei Grundregeln: So gut es geht isoliert werden sollen Ältere und gesundheitlich vorbelastete Menschen. Darüber hinaus sollen alle Menschen mit Symptomen zu Hause bleiben, selbst bei den geringsten Anzeichen.

Tegnell sagt: „Wir sind überzeugt davon, dass das hier der richtige Weg ist. Wenn man diese beiden Regeln befolgt, braucht man keine weiteren Maßnahmen, deren Effekt sowieso nur sehr marginal ist." Regierungschef Löfven ergänzt: „Wir alle müssen als Individuen unsere Verantwortung übernehmen. Wir können nicht alles gesetzlich regeln und verbieten.“

Bisher würde es keinen einzigen belegbaren Fall geben, bei dem sich ein Erwachsener bei einem Kind angesteckt habe. Wieso soll man dann Zehntausende gesunde Kinder daheim behalten. Mit der Konsequenz, dass viele Eltern, die für die Krisenbekämpfung arbeiten, nicht mehr zur Arbeit gehen könnten. So begründet Tegnell immer wieder, dass Kindergärten und Grundschulen bis zur neunten Klasse in Schweden weiter geöffnet sind.

Viel Gegenwehr für Regierung und Tegnell

Diese freizügige Linie erntet nicht nur Zuspruch. In einem offenen Brief forderten mehrere hochrangige schwedische Wissenschaftler die Behörden Mitte der Woche zum Kurswechsel auf. Die Regierung müsse den Kontakt zwischen den Menschen im Land kräftig einschränken und viel mehr testen, hieß es. Es sei auch eine gute Idee, etwa Schulen und Restaurants zu schließen, bis man mehr über die Situation wisse. dpa Männer sitzen im Pub „Half Way Inn“ in Stockholms Zentrum an der Bar

"Es ist blutiger Ernst. Ich bin zutiefst beunruhigt angesichts der Entwicklung. Ich würde am liebsten ganz Stockholm unter Quarantäne stellen.", mahnt Fredrik Elgh, Professor für Klinische Mikrobiologie an der Universität von Umeå.

„Wir sind eines der Länder der Welt, die die schwächsten Maßnahmen eingeführt haben“, moniert der Molekularbiologe Sten Linnarsson vom Stockholmer Karolinska-Institut in der Zeitung „Dagens Nyheter“.

Åre das nächste Ischgl?

Dass die Skigebiete weiter offen sind, sorgt für besonders großes Unverständnis. Der österreichische Skiort Ischgl steht derzeit massiv in der Kritik und durchaus unter Verdacht, für Corona-Infektionen in ganz Europa verantwortlich zu sein. In Ischgl infizierten sich wohl hunderte Urlauber mit dem Virus. Behörden reagierten viel zu spät.

Wiederholt sich dieser Fehler nun im schwedischen Åre? Sofia Leje, die leitende Ärztin von Åre, kritisiert die Freizügigkeit der Regierung massiv. Die Touristenflut in der kleinen Gemeinde müsse zwingend gestoppt werden: „Es wäre angemessen, Åre unter Quarantäne zu stellen. In Italien und Österreich wurde frühzeitig vor einer Corona-Infektion gewarnt, aber es wurde beschlossen, weiterzumachen, als sei nichts passiert. Man muss sich mit Blick auf die Konsequenzen fragen, ob sich dieses Vorgehen wirklich ausgezahlt hat."

Auch die skandinavischen Nachbarstaaten Norwegen und Dänemark blicken verwundert auf die weiterhin geöffneten Skigebiete. So warnt beispielsweise die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen immer wieder: „Macht keinen Skiurlaub in Schweden.“ Von der skandinavischen Einigkeit in Krisenzeiten ist aktuell nichts zu sehen.

Den richtigen Weg im Kampf gegen Corona kennt noch keiner. Die eher langsame Ausbreitung von Corona in Schweden könnte durchaus ein Anzeichen sein, dass Tegnell, Löfven und Schweden mit ihrer Strategie vielleicht gar nicht so falsch liegen. Dies lässt sich aber erst nach der Pandemie beurteilen.

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