Sachsen-Anhalt mit 25er-Inzidenz: Drei Gründe, warum Zahlen im Osten niedriger sind

Sachsen-Anhalt mit 25er-Inzidenz: Drei Gründe, warum Zahlen im Osten niedriger sind

Während die Infektionszahlen im Westen Deutschlands immer weiter ansteigen, sind sie im Osten vergleichsweise gering. Das hat mehrere Gründe – der Reise-Effekt ist einer von ihnen. FOCUS Online erklärt das Pandemiegeschehen in den neuen Bundesländern.

Der Blick auf die Corona-Deutschland-Karte macht deutlich: Ein Teil des Landes scheint bislang größtenteils von der vierten Welle verschont geblieben zu sein. Im Osten Deutschlands liegt die Inzidenz in allen Bundesländern noch unter 40.

Ganz anders sieht es im übrigen Teil des Landes aus: An der Spitze steht Leverkusen mit einer Inzidenz von über 200. Auf Bundesländerebene ist die Inzidenz aktuell in Bremen am höchsten, sie liegt dort nach neusten RKI-Daten bei 117,6 – und das, obwohl das Land mit 71,6 Prozent die höchste Impfquote hat. RKI Inzidenzen nach Landkreisen (Stand 08. September)

Bundesweit sind aktuell rund 61,4 Prozent der Deutschen vollständig geimpft – die Inzidenz liegt bei 82,7.

Niedrigere Inzidenz trotz niedrigerer Impfquote im Osten

In den östlichen Bundesländern liegen die Inzidenzen deutlich unter diesem Durchschnittswert:

  • Brandenburg: Inzidenz bei 37,5
  • Mecklenburg-Vorpommern: Inzidenz bei 36,4
  • Sachsen: Inzidenz bei 32,2
  • Sachsen-Anhalt: Inzidenz bei 25,3
  • Thüringen: Inzidenz bei 38,3

Ebenfalls niedriger als der Bundesdurchschnitt sind in diesen Ländern die Impfquoten:

  • Brandenburg: 56,0 Prozent vollständig geimpft
  • Mecklenburg-Vorpommern: 60,3 Prozent vollständig geimpft
  • Sachsen: 52,5 Prozent vollständig geimpft
  • Sachsen-Anhalt: 58,3 Prozent vollständig geimpft
  • Thüringen: 56,3 Prozent vollständig geimpft BMG Impfquoten (vollständige Impfung) nach Bundesländern. (Stand 08. September)

Was hinter den niedrigeren Inzidenzen im Osten steckt

Dass die Zahlen also ausgerechnet in den östlichen Bundesländern niedrig sind, lässt sich kaum mit der Impfquote erklären. Diese würde eher nahelegen, dass die Zahlen dort stärker ansteigen als in den Bundesländern mit höherer Quote. Woran liegt es dann? FOCUS Online hat drei Erklärungsmöglichkeiten zusammengefasst.

1. Weniger Kontakte durch Familienbesuche und Reiserückkehrer

Eine große Rolle beim gegenwärtigen Infektionsanstieg spielen laut Experten Reiserückkehrer. Rund ein Viertel der Ansteckungen mit Angaben dazu geht laut jüngstem RKI-Bericht auf eine Exposition im Ausland zurück. Darunter sind nicht nur Aufenthalte in beliebten Feriendomizilen, sondern auch Heimatbesuche vieler Deutschen mit Migrationshintergrund.

Diese kommen allerdings vor allem in den alten Bundesländern vor. Im Osten wohnen weniger Menschen mit einem solchen Hintergrund, wie Medizinstatistiker Bertram Häussler dem MDR sagte. Die Situation aus dem vergangenen Jahr wiederhole sich, erklärte er. Es zeige sich, „dass im Grunde genommen die Kreise, die die höchsten Ausländeranteile haben, auch wieder die höchsten Inzidenzen haben“. RKI Infektionsfälle nach Expositionsland

Auch SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach ist dieser Ansicht. „In den alten Bundesländern leben viel mehr Menschen mit Migrationshintergrund, die im Sommer in ihre Heimatländer reisen“, sagte der der „Berliner Morgenpost“. „Viele Infektionen gehen auf solche Verwandtenbesuche etwa in der Türkei oder im Kosovo zurück.“ Dabei handelt es sich genau um die beiden Länder, die die RKI-Liste zu Expositionen im Ausland anführen.

2. Weniger Mobilität im In- und Ausland

Epidemiologe Hajo Zeeb wertet den Faktor der Heimatbesuche ebenfalls als relevant für das Pandemiegeschehen. Ihm zufolge spielen allerdings nicht allein die Menschen mit Migrationshintergrund eine Rolle. Vielmehr habe die allgemeine Reiseaktivität der Menschen Auswirkungen.

„Aus dem letzten Jahr wissen wir bereits, dass die Rückreisen aus den entsprechenden Ländern einen messbaren Effekt auf die Infektionszahlen haben“, sagte er dem „Stern“.  Demnach könnten dann nach Ende der Sommerferien auch im Osten wieder die Zahlen ansteigen. In Thüringen und Sachsen begann am vergangenen Montag das neue Schuljahr, damit sind die Sommerferien in allen ostdeutschen Bundesländern vorbei. Erste Auswirkungen könnten sich also zu Beginn der nächsten Woche zeigen.

Allerdings sei die internationale Mobilität im Westen allgemein höher, schränkt Gesundheitsexperte Lauterbach ein. „Sommerurlaub in Spanien, Frankreich oder Italien kommt hier öfter vor“, so Lauterbach. Zudem gebe es im Westen deutlich mehr Metropolen, die internationale Besucher empfingen. Er nennt Städtetourismus, Kongress- und Tagungsreisen nach Hamburg, Köln, Frankfurt oder München. Auch in Berlin ist dieses Aufkommen höher. Das erklärt, warum die Region um die Hauptstadt deutlich höhere Inzidenzen aufweist als es die umliegenden Bundesländer im Durchschnitt tun.

3. Demografische Verteilung

Als weiteren Grund für die vergleichsweise niedrigen Inzidenzen führt Lauterbach die demografische Verteilung in den neuen Bundesländern an. „Im Westen des Landes leben viel mehr junge Menschen, unter denen die Inzidenzen wegen der schlechteren Impfquote deutlich erhöht sind“, erklärt der Epidemiologe.

Auch wenn in diesen Bundesländern die Impfquoten allgemein höher sind als im Osten, gilt das nicht zwingend auch für die Jugendlichen. Bundesweit sind vor allem ältere Menschen zu hohen Anteilen doppelt geimpft. Das Erkrankungsalter sei demnach seit dem letzten Jahr „massiv gesunken“, wie Medizinstatistiker Häussler dem „Stern“ sagte. Habe der Altersdurchschnitt im vergangenen Jahr noch bei rund 50 Jahren gelegen, liege er in diesem Jahr bei um die 30 Jahre. Gegenwärtig infiziert sind also vor allem Jüngere – und von denen gibt es im Osten weniger als im Westen. 

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Lage ist fragil: Experten warnen auch vor Infektionsanstieg im Osten

Dass die Infektionszahlen im Osten niedrig sind, bedeutet allerdings keineswegs, dass sich das Blatt nicht noch wenden könnte. Experten fürchten auch dort in den kommenden Wochen einen Inzidenzanstieg. „Wenn die Schulferien in allen fünf neuen Ländern zu Ende sind, werden die Infektionszahlen mit großer Sicherheit deutlich steigen“, sagte der Ostbeauftragte der Bundesregierung, Marco Wanderwitz der Funke Mediengruppe.

Wanderwitz nennt zwei Hauptfaktoren: „Einmal, weil das Virus gerade im Osten auf eine im Vergleich zum Westen hohe Zahl von Ungeimpften trifft.“ Die niedrige Impfquote könne sich dann rächen. „Aber auch deshalb, weil hier die Zahl derjenigen groß ist, die die Schutzmaßnahmen verweigern.“

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  • Wanderwitz fürchtet nicht nur, dass die Zahlen dann auch im Osten so stark wie im Westen ansteigen. Er rechne sogar damit, dass die Inzidenzen im Osten in wenigen Wochen höher sein werden als jetzt im Westen. „Ich fürchte, es wird dann kein Halten geben und wir werden ähnlich dramatische Verhältnisse haben wie im vergangenen Herbst.“

    Einen Hoffnungsschimmer gibt es aber dennoch. „Die Impfbereitschaft könnte sich dann wieder erhöhen, wenn sich die Lage deutlich verschlechtert und strengere Maßnahmen für Ungeimpfte kommen“, erklärte Wanderwitz. „Ein Faktor könnte auch das Ende der kostenlosen Tests sein.“

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