Omikron-Prognose von Statistikerin: Im Worst-Case haben wir 435.000 Fälle pro Tag

Omikron-Prognose von Statistikerin: Im Worst-Case haben wir 435.000 Fälle pro Tag

Seit Wochen warnen Experten vor der Omikron-Welle. In den Meldezahlen des europäischen Auslands zeigt sie sich bereits massiv. Deutschland erwartet ab Mitte Januar einen explosionsartigen Anstieg. Was bedeutet das konkret? Statistikerin Katharina Schüller hat das Best- und das Worst-Case-Szenario durchgerechnet.

Omikron heißt die Virus-Variante, von der sich viele Experten ein Ende der Pandemie erhoffen. Selbst der oft sehr vorsichtig in die Zukunft blickende Christian Drosten meint, die zuerst in Südafrika nachgewiesene Mutante habe das Zeug, das erste „postpandemische Virus“ zu werden. Ehe sich diese Hoffnung bestätigen kann, steht Deutschland allerdings noch mindestens eine heftige Welle bevor: die lange angekündigte Omikron-Welle.

Wie krass sich diese auftürmen wird, lässt sich nur bedingt vorhersagen. Der Grund: Die Daten zur gegenwärtigen Verbreitung der neuen Variante – aber auch von Delta, die sie jedoch vermutlich bereits in wenigen Tagen nahezu vollständig verdrängt haben wird – sind aktuell noch schlechter als sonst ohnehin. Viele Teststellen und Arztpraxen hatten zwischen den Jahren zu. Experten gehen von mindestens 25 Prozent weniger untersuchter Proben im Vergleich zur Vorweihnachtswoche aus.

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Schlechte Daten erlauben nur Prognosen mit vielen Unsicherheiten

Das Robert-Koch-Institut (RKI) mahnt deshalb, dass die vermeldeten Werte der jüngeren Vergangenheit nur einen Teil des tatsächlichen Infektionsgeschehens abbilden. Die Zahl der Infektionen wird derzeit unterschätzt. Mit zuverlässigeren Daten rechnet das RKI erst ab dem 10. Januar wieder.

„Es gibt sehr viele Unwägbarkeiten“, erklärt auch Katharina Schüller auf die Frage hin, wo wir denn in vier Wochen coronatechnisch stehen. So sei nicht klar, wie hoch der Anteil der Omikron-Variante an der Gesamtzahl der Infektionen bereits ist. Ebenfalls fraglich: Wie stark wächst die Omikron-Quote wirklich? Wie schnell sinkt entsprechend Delta? Und wie viele Fälle sind derzeit noch untererfasst?

2,3 oder 5? Testregeln beeinflussen die Omikron-Dunkelziffer

Die Angaben des immer noch relativ neuen Gesundheitsministers helfen da nur begrenzt, führt die Vorständin der Deutschen Statistischen Gesellschaft aus. Wenn der nämlich von einer Dunkelziffer im Bereich des Faktors 2 bis 3 spreche, sei nicht klar, was genau er damit meine. „Letztes Jahr im November/Dezember hatten wir eine Dunkelziffer von geschätzt Faktor 5“, erklärt Schüller.

Dass die Dunkelziffer bei inzwischen mehr als 70 Prozent Doppelt-Geimpfter mit einer oft deutlich geringeren Virenlast und weniger Symptomen heute kleiner sein soll als vor einem Jahr, erscheint zweifelhaft. „Also meint Lauterbach möglicherweise eine Untererfassung von Fällen, die man erfasst hätte, wenn über Weihnachten und Neujahr alles erfasst worden wäre 'wie immer'“, analysiert die Expertin. „Wobei es ein 'wie immer' eigentlich auch nicht gibt, weil wir wieder mal andere Teststrategien haben: PCR gibt es kostenlos nur nach positivem Schnelltest, einem 'roten' Kontakt in der Corona-Warnapp oder bei Symptomen. Letztes Jahr konnte man sich auch 'einfach so' testen lassen.“

Zur Person

Katharina Schüller ist Vorständin der Deutschen Statistischen Gesellschaft sowie Geschäftsführerin und Gründerin des Unternehmens „Stat-up“. Die Statistikerin entwickelte bereits eine Risiko-Modellierungs-Software für das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) und arbeitete mit Kary Mullis zusammen, der für die Entdeckung der PCR (die biochemische Grundlage von Corona-Tests) den Nobelpreis bekam. Gemeinsam mit anderen Statistik-Experten veröffentlicht sie die „Unstatistik des Monats“ zur Einordnung aktueller Statistiken. Seit Beginn der Pandemie setzt sie sich für repräsentative Corona-Tests ein und startete dafür eine Petition.

Prognosen seien derzeit entsprechend höchst spekulativ, betont Schüller. Nimmt man allerdings eine gewisse Range an Werten zur Grundlage, liefern sie zumindest ein ungefähres Bild dessen, was bis Ende Januar auf uns zukommen kann:

  • Bei einer gemeldeten Fallzahl von 58.912 am Mittwoch, einem geschätzten R-Wert von 1,2 und einer ebenfalls geschätzten Verbreitung von Omikron von bislang 50 Prozent, stünden wir in vier Wochen bei etwa 84.000 Fällen pro Tag – sofern die Politik die Maßnahmen bis dahin nicht verschärft. Nach allem, was wir heute wissen, entspräche diese Modellierung so etwas wie dem Best-Case-Szenario, sagt Schüller.
  • Das Worst-Case-Szenario: Omikron verbreitet sich aktuell eher mit einem R-Wert von 1,8. Sprich: Zehn Infizierte stecken im Schnitt achtzehn Personen neu an. Zudem macht die Variante bereits einen Anteil von etwa 70 Prozent aus. Dann stünden wir Ende Januar bereits bei rund 435.000 Fällen täglich. Die Zahlen hätten sich im Vergleich zu heute mehr als versiebenfacht.


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