Mein liebes Tagebuch

Mein liebes Tagebuch

War das der Wirecard-Skandal der Apowelt? Der Rezeptabrechner AvP kann nicht zahlen, er hat Insolvenzantrag gestellt. Und rund 3500 Apotheken warten auf Beträge von durchschnittlich 100.000 Euro. Für manche existenzbedrohend. Ein Mega-Desaster! Wie’s weiter geht, ist offen. Auch in dieser Woche: die Verbändeanhörung zum Vor-Ort-Apothekenstärkungsgesetz – mit viel Gegenwind für die Apotheken. Was besonders runterzieht: Eine Äußerung der EU-Kommission – sie  freut sich aufs E-Rezept, weil es die Verbraucher stimulieren könnte, von der Vor-Ort-Apotheke zum Versender zu wechseln. Und ob das geplante Rx-Boni-Verbot mit dem EuGH-Urteil vereinbar ist, ist immer noch ein Vabanquespiel. Klingt alles nicht nach Stärkung der Vor-Ort-Apo. Was für eine Woche! 

14. September 2020

Hier spricht der neue Präsident der Bundesapothekerkammer in spe: Thomas Benkert, derzeit Präsident der Bayerischen Landesapothekerkammer. Ja klar, er muss erst noch gewählt werden, aber bis jetzt steht ihm keiner im Weg. Im DAZ-Interview erklärt er seine Ziele – es sind keine neuen, es sind die, die bereits die derzeitige ABDA- und BAK-Spitze verfolgt: das Vor-Ort-Apothekenstärkungsgesetz mit Gleichpreisigkeit, mit honorierten pharmazeutischen Dienstleistungen, die möglichst viele Apotheken leisten können, zusätzlich ein Botendiensthonorar, das unser Dienstleistungsbudget nicht mindert, ein E-Rezept mit technisch abgesichertem Makelverbot – um die wichtigsten zu nennen. Alles richtig, alles wichtig. Jetzt muss er’s nur schon schaffen. Wie er das machen will, hat er natürlich nicht verraten. Aber genau darauf wird’s ankommen.

 

Das Vor-Ort-Apothekenstärkungsgesetz (VOASG) stand bereits auf der Tagesordnung des Bundestags – jetzt hatten die Verbände im Rahmen der Verbändeanhörung Gelegenheit, ihre Stellungnahmen abzugeben. Der Bundesverband der Arzneimittel-Hersteller (BAH) machte in seiner schriftlichen Stellungnahme zum VOASG deutlich, dass die Patienten mit ihrer Arzneimitteltherapie überfordert sein können. Der BAH befürworte daher ausdrücklich eine Lotsen- und Beraterfunktion des Apothekers. Denn auf diesem Gebiet gebe es eine Lücke, die die Pharmazeuten füllen können. Der BAH sieht in dieser Funktion durchaus eine pharmazeutische Dienstleistung. Mein liebes Tagebuch, das hat der BAH vollkommen richtig erkannt: Die Arzneitherapie, Rx und OTC, wird für viele Patienten immer komplexer, der Patient braucht einen kompetenten Lotsen und Berater – der Apotheker ist prädestiniert dafür. Aber das muss auch herausgestellt und als Dienstleistung honoriert werden. Außerdem setzt sich der BAH für einen einheitlichen Apothekenabgabepreis ein, auch die Versicherten der PKV und die Selbstzahler sollten hier mit einbezogen werden.

 

Auch der Verband der Privaten Krankenversicherung (PKV) zeigt sich in seiner Stellungnahme zum VOASG nicht damit einverstanden, dass für privat Versicherte nicht die Gleichpreisigkeit gilt und für sie kein unmittelbarer Anspruch auf neue pharmazeutische Dienstleistungen eingeräumt wird. Nach Auffassung der PKV dürfen sich die Preise für gesetzlich und privat Versicherte nicht auseinanderentwickeln, unterschiedliche Preise für gleiche – gesundheitlich notwendige – Produkte seien nicht zumutbar. Richtig, mein liebes Tagebuch, und genau darin wird enormes Sprengstoffpotenzial liegen, wenn das VOASG wie vorgesehen in Kraft tritt. Ob sich da überhaupt noch etwas machen lässt?

 

Der Telemedizin Anbieter TeleClinic, der erst vor Kurzem von Zur Rose übernommen wurde, hat juristischen Ärger am Hals. Jetzt will er den Vorwürfen des Zuweisens von Rezepten offenbar aktiv entgegensteuern – und verheddert sich in neuen Fallstricken: TeleClinic hat sich ein neues Procedere ausgedacht, bei dem die Patienten ihre gewünschte Apotheke auf einer „Landing-Page“ eintragen und ihre Privatverordnung per Mail durch TeleClinic dorthin versenden lassen können. Die jeweilige Apotheke erhält dann das Rezept mit der qualifizierten elektronischen Signatur als Link. Laut TeleClinic kann das Rezept nur ein einziges Mal eingelöst werden. Die Patienten selbst würden nie die unterschriebene Rezept-Datei erhalten. Diese werde nur an die Apotheke weitergeleitet, heißt es in der E-Mail an die Apotheken. Aber, mein liebes Tagebuch, es bleibt offen, wie TeleClinic die vom Patienten angegebene Apotheke authentifiziert. Außerdem ist offen, was passiert, wenn die Apotheke das Rezept nicht beliefern kann. Da gibt’s noch etliche Fragen…

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