Fünf Fragen, die mir auch nach zwei Jahren Corona keiner beantworten konnte

Fünf Fragen, die mir auch nach zwei Jahren Corona keiner beantworten konnte

Nach über zwei Jahren Corona sollte man meinen, dass einem alle Regeln rund um das Virus klar sind. Oder nicht? Unsere Redakteurin hat es zum ersten Mal erwischt und Fragen, die sich wohl jeder stellt, waren gar nicht so leicht zu beantworten.

Ich bin mir sicher, dass es ein Sonnenstich ist. Das kenne ich: Schlapp, Kopfweh, erhöhte Temperatur, Schüttelfrost. Ein Sonnenstich ist nach einem Tag in der Regel wieder weg. Mein Corona-Selbsttest ist negativ. Also melde ich mich krank, ohne Attest, und verkrieche mich auf die Couch.

Nur: Es wird nicht besser. Ich friere und schwitze gleichzeitig. Meine Nase läuft. Während eines Nickerchens ist mein Ruhepuls so hoch wie sonst auf meiner Joggingrunde – da stimmt etwas ganz und gar nicht. Aber was will ich machen: Der Test ist negativ, also Augen zu und durch.

Am nächsten Tag mache ich wieder einen Test und der ist positiv. Nicht „Ich muss den Strich mit einer Lupe und einer Arztlampe suchen“-positiv, sondern „Der Strich ist deutlicher als der Kontroll-Strich“-positiv. Inzwischen geht es mir richtig dreckig. Mit fast 40 Grad Fieber beginnt die Suche nach Antworten zu Quarantäne, PCR-Test und Attest vom Arzt. Es ist sieben Uhr morgens und ein Feiertag.

Spannend, aber gerade keine Zeit?

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Meine erste Frage ist:

Ab wann beginnt die Quarantäne?

Ich habe Pläne. Nicht für diese Woche, sondern für nächste. Ein Konzert, auf das ich mich seit drei Jahren freue. Von heute bis zum Tag X sind es 10 Tage. 10 Tage sind in Bayern aktuell die längste Quarantänepflicht-Zeit. Nur: Ab wann zählen die? Im Internet steht alles von „Ab positiven PCR-Test-Ergebnis“ bis zu „Am Tag nach dem positiven Antigentest“. Um Klarheit zu bekommen, rufe ich den ärztlichen Notdienst unter „116 117“ an – die Nummer, die man anrufen kann, wenn man krank ist und ärztlichen Rat braucht, aber nicht so krank, dass man sofort ins Krankenhaus muss. In dem Fall, etwa bei akuter Atemnot, bitte gleich die 112 anrufen. Eine Ansage sagt: „Wenn Sie Fragen rund um Corona haben, drücken Sie die 2.“ Ich bin erleichtert, ist meine Suche hier schon zu Ende?

Nein. Ich bin zu früh dran und erreiche niemanden. Eine Stunde später geht jemand dran, aber er kann mir nicht helfen: Über die verschiedenen Quarantäneregeln hätten sie keinen Überblick.  Also drücke ich als nächstes die 1 und erreiche eine Ansprechpartnerin vom Notdienst. Sie ist sehr nett und bietet an, mir einen Notarzt zu schicken, der mich untersucht. Aber ich brauche keinen Arzt, ich brauche Antworten. Und die hat sie leider auch nicht.

Freundinnen helfen mir inzwischen beim Suchen. Am Ende einigen wir uns darauf, dass die Quarantäne mit „dem Erhalt des positiven Testergebnisses eines von einem geschulten Menschen durchgeführten Anti-Gen-Test“ beginnt.

Nur: Wo bekomme ich in dem Dorf, in dem ich wohne, an einem Feiertag einen Schnelltest? Dazu kommt, dass es mir wirklich schlecht geht. Muss ich mich jetzt wirklich aus dem Haus schleppen, nur um dieses Testergebnis zu bekommen? Anscheinend schon. Die offizielle Teststelle des Landkreises verkündet auf ihrer Webseite, nur bei Personen ohne Symptome Tests abzunehmen. Also fällt die für mich flach. Deswegen lasse ich mich von meinem Freund, von dem ich mich seit gestern eigentlich fernhalte, um ihn nicht anzustecken, zu einer Teststelle im Nachbarort fahren. Ich habe ein unfassbar schlechtes Gewissen. Erstens ihm gegenüber und zweitens der jungen Frau gegenüber, die den Test abnimmt. Ich warne sie vor, bevor ich die Maske abnehme. Zum Glück nimmt sie es gelassen. Der Test ist positiv, bevor sie alle Tropfen auf das Stäbchen geträufelt hat. Zuhause verkrieche ich mich wieder auf der Couch. Die ganze Aufregung hat mich so geschlaucht, dass ich fünf Stunden schlafe.

Am nächsten Tag wartet das nächste Problem:

Wie komme ich an eine Krankschreibung?

Das Fieber ist etwas gesunken, schlapp bin ich aber immer noch und dass ich heute arbeite steht absolut außer Frage. Aber es ist Tag drei meiner Krankheit und deswegen brauche ich ein Attest. Seit dem 1. Juni bekommt man das nicht mehr telefonisch, sondern man muss zum Arzt. Ich kann das gar nicht glauben: Ich bin fiebrig, ich huste, ich niese – will mich wirklich irgendjemand aktuell in seiner Praxis haben? Doch nicht ernsthaft! Noch vor einer Woche wäre ich ausgerastet, wenn neben mir jemand mit diesen Symptomen in einer Arztpraxis gesessen hätte. Aber ich muss hingehen. Und die Arzthelferin warnt am Telefon, dass ich mich auf eine gewisse Wartezeit einstellen muss. Ähm, okay? Seit wann behandeln wir Corona wie eine normale Erkältung? Wieder bringt mein Freund mich hin. Ich schleppe mich die zwei Treppen zur Arztpraxis hoch und klopfe wie vereinbart an die Glasscheibe. Im Treppenhaus gehen zwei Frauen an mir vorbei – sie tragen keine Masken. Ich versuche unter meiner FFP2-Maske die Luft anzuhalten, um sie nicht anzuatmen. Unsinnig, klar. Aber mein schlechtes Gewissen triezt mich. 

Die Arzthelferin holt mich nach zwei Minuten ab und setzt mich in ein leeres Besprechungszimmer. Ich denke mir, ah super, dann kann ich gleich noch die Ärztin etwas fragen. Aber Pustekuchen: Nach weiteren zwei Minuten kommt die Arzthelferin mit meiner Krankmeldung und schickt mich wieder nach Hause. Weder hat mich jemand untersucht, noch habe ich mein positives Testergebnis irgendwo gezeigt. In ganz Deutschland machen Zehntausende Menschen seit zwei Jahren von Zuhause ihren Job, aber für so einen rosa Zettel muss ich echt noch weiter zum Arzt. Und dann schaut mich nicht mal jemand an? Verstehe ich wirklich nicht.

Und was ich außerdem gerne gewusst hätte:

Brauche ich einen PCR-Test?

Am Telefon hatte die Arzthelferin gesagt, wenn ich einen PCR-Test will, müsste ich einen Termin vereinbaren und das sei mit noch mehr Wartezeit verbunden. Die Aussicht, irgendwo länger rumzustehen oder zu sitzen, verlockt mich in meinem lädierten Zustand überhaupt nicht. Deswegen frage ich sie, wozu ich denn diesen PCR-Test brauche. Sie wirkt überrascht und kommt ins Stottern: „Naja, also, wenn Sie genesen sein wollen, also ..“ Ich falle ihr ziemlich unwirsch ins Wort. Ich brauche keinen Genesenenschein, ich bin geimpft. Ob ich den Test für irgendwas anderes brauche. Ihre Antwort ist ein zaghaftes „Nein“. Ganz sicher ist sie sich scheinbar nicht – und ich mir damit auch nicht. Später macht mich mein Freund darauf aufmerksam, dass auf dem Testergebnis vom Bürgertest steht „Dieses Ergebnis muss mit einem PCR-Test belegt werden“. Da sind wir aber schon wieder daheim und ich liege groggy auf der Couch. Und überhaupt: Wozu soll das gut sein? Das Gesundheitsamt bekommt auch mein Antigen-Testergebnis. Das steht zumindest auf dem Formular. Allerdings bekomme ich ohne PCR-Testergebnis keinen QR-Code für die Corona-App. So kann ich meine Kontakte nicht alle gesammelt warnen. Aber egal, denen, die es wissen müssen, habe ich es gleich geschrieben, als der Test positiv war. Und auf keinen Fall fahre ich noch mal zum Arzt. Also verzichte ich auf einen PCR-Test.

Die nächsten Tage vergehen sehr schnell mit Schlafen und Couch. So schnell wie das Fieber aufgekommen ist, so schnell ist es auch wieder weg. Ich dokumentiere meine Symptome in der App meines Schlaftrackers: Fieber, Müde, Schüttelfrost, Halsschmerzen, Kopfschmerzen, Husten, Schnupfen, bestätigtes Covid-19. Jeden Tag fallen Symptome weg. Irgendwann trage ich nur noch „bestätigtes Covid-19“ ein, denn meine Tests sind weiter positiv. Bin ich also „symptomfrei“?

Was bedeutet symptomfrei?

In Bayern darf man die Quarantäne frühestens nach fünf Tagen verlassen, wenn man vorher mindestens 48 Stunden symptomfrei war. Nur: Ein sporadischer Huster, eine minimal laufende Nase, ein insgesamt etwas lätschiger Allgemeinzustand. Das alles ist für einen Pollenallergiker nicht unbedingt ungewöhnlich. Von März bis September ist alles möglich. Wie oft ich wegen solcher Beschwerden schon dachte, ich hätte Corona, kann ich gar nicht mehr zählen. Nur: Jetzt habe ich auf jeden Fall Corona. Aber zählen die Symptome dann als Corona oder als Allergie? Wann bin ich symptomfrei genug, um meine Quarantäne theoretisch zu verlassen? Google schweigt zu dieser Frage. Mein Gewissen sagt: Symptomfrei bedeutet symptomfrei. Also keinerlei Symptome mehr. Also bleibe ich weiter zuhause und bestelle bei Freunden Schokolade und Katzenfutter. Ich arbeite nach sechs Tagen wieder im Homeoffice. Wer gesund sein will muss auch arbeiten, sage ich mir, auch wenn ich kein Teammeeting ohne Hustenanfall durchstehe. Nach einem Tag am Schreibtisch nehme ich „Husten“ und „Laufende Nase“ wieder in meine Symptomliste auf.

Am Ende muss jeder selbst wissen, wie ehrlich er zu sich selbst ist. Und ich will ja nicht nur aus der Quarantäne, ich will auch gesund werden und da ist es wichtig, auf den eigenen Körper zu hören und lang genug Pause zu machen. Nach spätestens zehn Tagen darf ich eh aus der Quarantäne, Symptome hin oder her. Dann bleibt für mich nur noch eine Frage:

Muss ich mich freitesten?

Dass ich mit einem positiven Testergebnis nicht draußen rumlaufe, gebietet mir mein gesunder Menschenverstand – ganz egal, was die aktuellen Coronaregeln dazu sagen. Nur: Ich wüsste als regelbewusster Mensch gerne, ob ich mich offiziell freitesten muss – und wie. Vor ein paar Monaten galt noch allein ein negativer PCR-Test als Ticket in die Freiheit, das lese ich in veralteten Google-Treffern. In der aktuellen Verordnung für Bayern steht von einem negativen Testergebnis nichts und PCR-Tests kosten gut und gerne über 150 Euro. Ich nehme also an, dass ich einfach rausgehen kann, sobald meine zehn Tage rum sind.

Das werde ich natürlich nicht tun. Bevor ich wieder unter Leute gehe, muss mindestens ein Selbsttest zuhause negativ sind, habe ich mir vorgenommen. Und das kann dauern. Unsere Konzertkarten haben wir deswegen schon verkauft. Wenn jemand als Superspreader auf dieses Konzert geht, dann bin es auf jeden Fall nicht ich.

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