Martina ernährt ihre Kinder vegan: Mangel kompensiere ich mit Lutschtabletten und Zahnpasta

Martina ernährt ihre Kinder vegan: Mangel kompensiere ich mit Lutschtabletten und Zahnpasta

Martina lebt seit Jahren vegan. Für sie stand fest, dass sie auch ihre Kinder ohne Fleischprodukte ernähren möchte. Mediziner sehen das kritisch. FOCUS Online hat mit der Mutter und einer Ernährungswissenschaftlerin gesprochen.

Nele* isst vegan – das war schon immer so. Die Fünfjährige und ihr dreijähriger Bruder Levin essen seit ihrer Geburt weder Fleisch noch Fisch, und auch Milchprodukte, Honig und Eier sind auf ihrem Speiseplan tabu. Denn ihre Mutter Martina hat sich dazu entschieden, die beiden Kinder vegan großzuziehen.

Martina lebt seit 18 Jahren vegetarisch. Vor sechs Jahren stiegen die 36-Jährige und ihr Mann dann auf eine vegane Ernährung um. Als sie schwanger wurde, war für Martina klar, dass sie ihre Kinder – natürlich – auch vegan ernähren wollte.

Für viele Veganer spielen ökologische, ethische und gesundheitliche Gründe eine Rolle. Diese Werte wollen sie auch an ihre Kinder weitergeben. Ist das verantwortungslos oder sogar gefährlich? Beim Thema vegane Ernährung scheiden sich die Geister – und vor allem bei Kindern ist eine rein pflanzliche Ernährung stark umstritten.

Von Vitaminen und Mangelerscheinungen

Ein aktueller Fall sorgte in der vergangenen Woche weltweit für Diskussionen und Schlagzeilen. Australische Eltern sollen ihre Tochter streng vegan ernährt und sie damit unzumutbaren Risiken ausgesetzt haben. Das Kind trug schwere Mangelerscheinungen davon.  

Mit anderthalb Jahren war sie auf einem Entwicklungsstand, der dem eines dreimonatigen Kindes glich. Laut der australischen Nachrichtenagentur AAP war sie völlig unterernährt, ihr Wachstum hatte sich verzögert und ihr fehlten wichtige Nährstoffe wie Eisen und Vitamin B12. Das australische Elternpaar wurde deshalb verklagt und muss mit einer Gefängnisstrafe von bis zu fünf Jahren rechnen.

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Ob vegan oder vegetarisch: der Besuch beim Kinderarzt ist Pflicht

Wer unüberlegt tierische Lebensmittel wie Fleisch und Milch weglässt, riskiert seine Gesundheit. Fehlernährung und Mangelerscheinungen sind die Konsequenz. Martina weiß aus eigener Erfahrung, dass eine Umstellung von normaler Mischkost auf eine vegane Ernährung bei Kindern sehr anspruchsvoll ist. Sie ist sich bewusst: „Wer seine Kinder unbedacht vegan ernährt, setzt sie einem hohen Risiko aus.“

Auch Mathilde Kersting vom Dortmunder Forschungsinstitut für Kinderernährung sieht eine vegane Ernährung bei Kindern sehr kritisch. „Es ist enorm schwierig, Kinder vegan zu ernähren“, erklärt Kersting. Vor allem die Versorgung mit B12 sollte gewährleistet sein. B12 ist nicht in einer rein pflanzliche Ernährung enthalten.

Auch die Zufuhr von Eisen und Eiweiß sollten Eltern genau planen, um Mangelerscheinungen vorzubeugen. „Die vegane Ernährung gleicht einer streng restriktiven Ernährungsform, bei der bestimmte Lebensmittelgruppen weggelassen werden. Eltern müssen sich genau mit den wichtigen Nährstoffen und Lebensmittel auskennen“, sagt die Expertin. Sind Eltern jedoch sehr gut informiert und wissen, worauf sie achten müssen, kann eine vegane Ernährung bei Kindern gelingen, räumt Kersting ein.

Martina ist überzeugt, dass vegane Ernährung bei Kindern möglich ist. Aus ihrer Sicht leben vegane Kinder sogar gesünder als so mancher „Mischköstler“, der sich wenig mit seinen Essgewohnheiten auseinandersetzt. „Ich denke sicherlich mehr über die Ernährung meiner Kinder nach als viele andere Eltern. Außerdem sind ungesunde Lebensmittel bei uns die Ausnahme“, sagt sie. 

Die Ernährungswissenschaftlerin Kersting stimmt dem zu: „Es ist bewiesen, dass viele Veganer gesünder sind als Menschen, die sich ,normal' ernähren. Ob das jedoch an den allgemeinen Lebensumständen liegt oder an der Ernährung, kann man nicht sagen.“ So sind Veganer im Durchschnitt gebildeter, bewegen sich mehr, rauchen nicht und sind allgemein gesundheitsbewusster.

Die Ernährungspyramide immer im Blick – ausgeglichen und abwechslungsreich essen

Die vegane Ernährung von Kindern muss gut bedacht und geplant werden, erzählt Martina. „Mir ist wichtig, dass meine Kinder gesund essen. Da stehe ich auch gerne mal länger in der Küche“, sagt sie. Das tägliche Planen, Erstellen der Einkaufslisten und eine frische Zubereitung der Mahlzeiten sei zeitintensiv, doch für die Gesundheit ihrer Kinder sei Martina der Aufwand wert.

Saisonal, regional und biologisch – bei der Ernährung ihrer Kinder achte sie vor allem darauf, dass sie abwechslungsreiche Lebensmittel einkaufe und Nährstoffe wie zum Beispiel B12 zuführe. „Auf unserem Speiseplan stehen sehr viel Obst, Gemüse, Nüsse, Kohlenhydrate und Eiweiße in jeglicher Form. Außerdem ergänze ich B12 in Form von Lutschtabletten und über die Zahnpasta.“ Ungeliebte Nahrungsmittel werden auch mal in Form von Smoothies oder in der Tomatensoße versteckt.

Bei Mangelerscheinungen schnell handeln

Gespräche und regelmäßige Besuche beim Kinderarzt sind zudem unerlässlich. „Viele Veganer sind gut informiert und wissen um die Risiken. Außerdem hilft ein Kinderarzt, der sich mit dem Thema auskennt“, ist sich Martina sicher. „Sehen die Kinder blass aus oder sind sie müde und schlapp, gehe ich schnellstmöglich zum Arzt und lasse alles abklären“ erzählt sie.

Neben den regelmäßigen Kontrollen achte sie sehr genau darauf, ob ihre Kinder   Anzeichen von Mangelerscheinungen zeigen. Ließen sich diese nicht mit einer veganen Ernährung in den Griff bekommen, würde sie die Ernährung ihrer Kinder gegebenenfalls mit Nahrungsergänzungsmitteln und im nächsten Schritt mit tierischen Produkten ergänzen.

„Empfehlen können Ernährungsexperten die vegane Ernährung bei Kindern trotzdem nicht“, erklärt Kersting. Vor allem Kinder im Alter von bis zu drei Jahren haben besondere Bedürfnisse. In dieser Phase ist es besonders wichtig darauf zu achten, dass sie alle nötigen Nährstoffe zu sich nehmen. Mangelerscheinungen können zu kognitiven Einschränkungen und langsameren Knochenwachstum führen.

Vegan im Alltag: von Empfehlungen und Erfahrungen

Ein Stück Kuchen auf dem Kindergeburtstag? Im Freibad ein Eis? Das Leben eines veganen Kindes ist nicht immer einfach. Doch penibel auf alle Zutaten zu achten und den Kindern alles zu verbieten, kommt für Martina nicht infrage. „Wenn die Kinder eingeladen sind, versuche ich, vorher abzuklären, ob es eine vegane Alternative gibt“, beschreibt sie.

Im Alltag stößt sie immer wieder an ihre Grenzen. Eine streng vegane Ernährung gelingt der Familie, sei es aus zeitlichen oder organisatorischen Gründen, nicht immer. „Zuhause ernähren wir uns vegan. Essen wir jedoch außerhalb, geben wir uns auch mit einer vegetarischen Optionen zufrieden“, sagt Martina.

Nicht nur Trend, sondern Lebensphilosophie

Vegan sein ist für die Familie nicht nur Ernährungstrend, sondern Lebensphilosophie. Die Gründe für eine vegane Ernährung waren für sie vielfältig. „Pro Klima, pro Gerechtigkeit, pro Genuss – wir wollen umweltfreundlich, gesund und vor allem verantwortungsbewusst leben“, erklärt Martina. Außerdem ist sie sich sicher, dass farbenfrohes und schmackhaftes Essen alle Kinder anspricht – egal ob mit oder ohne Fleischbeilage.

Zweifel an ihrer Ernährung hat Martina trotz der aktuellen Schlagzeilen keine. Und wenn ihre Kinder später mal Fleisch essen wollen? „Damit hätte ich große ethische Probleme“, gesteht sie. „Ich hoffe, dass es nicht dazu kommt, und wenn doch, kann ich es ihnen im Endeffekt nicht verbieten.“

*Namen der Familienmitglieder von der Redaktion geändert.

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