Je älter, desto dicker?

Je älter, desto dicker?

Man kennt das: Pubertierende Jungs nehmen noch ab, wenn sie kiloweise Pfannekuchen naschen. Und viele Ältere müssen „Essen nur ansehen“ um zuzunehmen.

Ist der „Wohlstandsbauch“ 50 Plus also unvermeidlich? Was je nach Perspektive wie Binsenweisheit oder Schutzbehauptung klingt, ist nun wissenschaftlich belegt: Ältere Menschen legen tatsächlich an Körpergewicht zu, wenn sie dieselben Nahrungsmengen wie in jüngeren Jahren zu sich nehmen.

Der Grund: Im Alter erlahmt der Fettstoffwechsel und gespeichertes Fett wird schlechter abgebaut. Das berichten Forscher aus Schweden im Fachmagazin „Nature Medicine“.

Fett wird im Körper in Fettzellen gespeichert, den sogenannten Adipozyten. Sie machen etwa 90 Prozent des weißen Fettgewebes aus. Fortwährend wird in den Zellen gespeichertes Fett abgebaut und neues eingelagert. Um zu prüfen, wie sich dieser Stoffwechsel im Laufe des Lebens verändert, hatte das Team um Peter Arner vom Karolinska University Hospital in Stockholm (Schweden) 54 Personen untersucht. Von diesen hatten sie zweimal im Verlauf von durchschnittlich 13 Jahren eine Probe des Fettgewebes entnommen.

Die Wissenschaftler untersuchten das Alter der Triglyceride in den Proben – Fettmoleküle, die in den Adipozyten eingelagert sind.

Feststellen lässt sich das bei älteren Probanden mit einem einfachen Trick: Normalerweise entspricht das prozentuale Verhältnis der Kohlenstoff-Isotope C14 und C12 in allen Zellen lebender Wesen der Konzentration dieser Isotope in der Atmosphäre.

Zur Zeit der überirdischen Atomwaffenversuche im Kalten Krieg verdoppelte sich jedoch zwischen 1953 und 1970 die Konzentration von C14 in der Atmosphäre, um nach der Einstellung oberirdischer Tests im Jahr 1980 wieder deutlich abzufallen. Deshalb lässt sich aus dem Vergleich des prozentualen Verhältnisses von C14- und C12-Isotopen in einer Fettzelle deren Alter herleiten – in alten Zellen ist der Prozentsatz von C14-Isotopen höher.

Die Studie zeigte, dass sich mit zunehmendem Alter der Fettabbau verlangsamte – und das unabhängig davon, ob die Person zugenommen hatte, ihr Gewicht hielt oder über die Jahre abnahm: Je älter die Probanden wurden, desto langsamer wurde der Fettzellen-Stoffwechsel. Und der wirkt offenbar unmittelbar auf die Entwicklung des Körpergewichts zurück: Probanden, die ihre Kalorienaufnahme über den Untersuchungszeitraum nicht reduziert hatten, legten etwa 20 Prozent Körpergewicht zu.

Wie groß der Einfluss des Fettstoffwechsels auf die Entwicklung des Körpergewichtes ist, versuchten die Forscher mithilfe einer zweiten Probandengruppe zu erfassen. Die Wissenschaftler hatten auch 41 stark übergewichtige Menschen untersucht, die sich den Magen hatten verkleinern lassen. Auch hier stellten die Mediziner einen deutlichen Einfluss der Fettabbaurate auf die Entwicklung des Körpergewichts fest. Eine hohe Fettstoffwechselrate korrelierte mit einem deutlicheren Gewichtsverlust als bei einer niedrigeren Fettstoffwechselrate. Das könnte darauf hindeuten, dass die Rolle des Fettstoffwechsels bei der Regulierung des Körpergewichtes bisher unterschätzt wurde.

„Die Ergebnisse legen erstmals nahe, dass es Prozesse in unserem Fettgewebe gibt, welche unabhängig von anderen Faktoren das Körpergewicht im Alter beeinflussen. Daraus könnten sich neue Möglichkeiten zur Behandlung von Übergewicht ergeben“, glaubt Studienleiter Peter Arner.

Deutsche Forscher verweisen in ersten Reaktionen allerdings darauf, dass das Thema Adiposis nicht auf einzelne Faktoren heruntergebrochen werden sollte. Helmut Frohnhofen, Abteilungsarzt für Altersmedizin am Alfried Krupp Krankenhaus in Essen, hält die Studie für zu klein, um verlässliche Aussagen daraus zu ziehen: „Die Ergebnisse der Studie sind ein interessanter Hinweis, aber es geht hier um recht wenige Probanden.“

Grundsätzlich könne man Übergewichtigkeit nicht immer einfach auf die Biologie zurückführen: „Da spielen viele Faktoren eine Rolle, das ist zum Teil genetisch, zum Teil verhaltensabhängig. Wenn im Alter sportliche Aktivitäten eingeschränkt sind, lässt sich das Gewicht am besten über die Ernährung beeinflussen“, so Frohnhofen.

Bei wirklich alten Menschen ist Übergewicht dann irgendwann nicht mehr das drängendste Problem, sagt Helmut Wallrafen von der Deutschen Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie: „Wenn Menschen im Alter etwas Gewicht zunehmen, ist das für sie eher ein subjektiv empfundenes, ästhetisches Problem, als ein medizinisches. Als Praktiker und Pflegefachkraft ist mir das Thema Übergewicht nur ganz punktuell untergekommen, wir haben normalerweise eher die Herausforderung, dass Menschen im Alter an Unterernährung leiden.“

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