Die (traurige) Wahrheit über Biowasser

Die (traurige) Wahrheit über Biowasser

SPIEGEL ONLINE: Frau Bockholt, wenn man der Werbung glaubt, sind stille Mineralwasser die reinsten Lebenselixiere. Von „einzigartiger Mineralisierung“ und „ursprünglicher Reinheit“ ist die Rede. Wie sieht es in Wirklichkeit aus?

Bockholt: In Wirklichkeit muss praktisch niemand stilles Mineralwasser kaufen. Leitungswasser ist in der Regel genauso gut. Viele Käufer erwarten von Mineralwasser besonders viel – es muss ja aus einer unterirdischen Quelle stammen, die vor Verunreinigungen geschützt ist. Und sie hoffen auch auf besonders viele Mineralstoffe. Diese Hoffnung ist oft leider zu hoch gegriffen.

Ina Bockholt von der Stiftung Warentest

SPIEGEL ONLINE: Sie haben 32 stille Mineralwässer untersucht (hier geht es zum Test). Mit welchem Ergebnis?

Bockholt: Nicht einmal die Hälfte ist gut. Etliche fielen in der mikrobiologischen Prüfung auf, weil sie mit Keimen belastet waren – manche mehr, manche weniger. Bei zwei Mineralwässern waren die Keimbefunde sogar gravierend, eines haben wir mit „mangelhaft“ bewertet.

SPIEGEL ONLINE: Welches war das?

Bockholt: Rheinsberger Preußenquelle, das als Biowasser verkauft wird. Darin haben wir nicht nur eine erhöhte Anzahl an Keimen gefunden, sondern auch einen gefürchteten Krankenhauskeim, der für immungeschwächte Menschen gefährlich sein kann.

SPIEGEL ONLINE: Gerade Mineralwasser, das als Biowasser deklariert wird, hat bei Ihrem Test schlecht abgeschnitten. Woran liegt das?

Bockholt: Uns hat das auch überrascht. Von sechs Produkten ist im Test ist nur eins mit „gut“ bewertet worden, zwei mit „mangelhaft“. Ausgerechnet im Biokristall-Wasser, dessen Firma initiiert hat, dass es Bio-Mineralwasser in Deutschland gibt, haben wir vergleichsweise hohe Konzentrationen an Radium nachgewiesen. Die lagen höher, als es die Richtlinien für Bio-Mineralwasser erlauben. Radium kommt von Natur aus in einigen Böden vor und kann ins Wasser übergehen. Es gibt übrigens keinen generellen Grund, weshalb ausgerechnet die Mineralwässer mit Bio-Logo nicht so gut abschneiden.

SPIEGEL ONLINE: Sieben von 32 stillen Mineralwässern in Ihrem Test haben ein Problem mit Keimen. Wie ist das zu erklären?

Bockholt: Zunächst muss man sagen, dass es in Deutschland mehr als 800 Mineralwässer gibt, deshalb können wir mit unserem Test natürlich nur ein Schlaglicht auf die Situation werfen. Sicher ist, dass stilles Mineralwasser besonders anfällig für Keime ist, weil es keine Kohlensäure enthält. Kohlensäure hat eine keimhemmende Wirkung. Deshalb finden wir seit Jahren in Medium- und Classic-Wässern weniger Keime.

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SPIEGEL ONLINE: Bei deutschen Verbrauchern besonders beliebt sind französische Mineralwassermarken wie Volvic. Wie sieht es bei denen aus?

Bockholt: In Volvic haben wir einen recht hohen Gehalt an Vanadium gefunden, das als möglicherweise krebserregend gilt. Das hängt damit zusammen, dass dieses Mineralwasser aus einer vulkanischen Region kommt, deshalb kann sich dieser Stoff aus dem Boden darin lösen. Wir empfehlen Volvic deshalb sicherheitshalber nicht zur Zubereitung von Säuglingsnahrung.

SPIEGEL ONLINE: Manche Mineralwassermarken werben damit, dass sie „ohne Abkochen“ für Babys geeignet sind und bezeichnen sich explizit als „Babywasser“. Was steckt dahinter?

Bockholt: Babywasser muss die gleichen, besonders strengen Vorgaben der Mineral- und Tafelwasserverordnung erfüllen wie Mineralwasser, das – oft im Kleingedruckten – als „geeignet zu Zubereitung von Säuglingsnahrung“ bezeichnet wird. Das heißt, dass für bestimmte Stoffe wie Uran und Radium strengere Grenzwerte gelten als für normales Mineralwasser. Es ist daher nicht notwendig, ein ausdrücklich „Baby-Mineralwasser“ benanntes Wasser zu kaufen. Dazu kommt, dass die Trinkwasserqualität in Deutschland normalerweise gut genug ist, um damit auch Babynahrung anzurühren. Wir empfehlen allerdings, das Essen für Babys nur mit abgekochtem Wasser zuzubereiten.

„Die drei besten Mineralwässer gehören auch zu den günstigsten“

SPIEGEL ONLINE: Bei Mineralwasser rechnet man logischerweise damit, dass Mineralstoffe enthalten sind. Wie sieht es damit aus?

Bockholt: Ein Teil der geprüften Mineralwässer bietet nicht mehr Mineralstoffe als Leitungswasser. Bei unserem Test haben wir festgestellt, dass die Gehalte an Kalzium, Magnesium und Co. oft gering sind. Allerdings glänzen einige Produkte durch einen hohen Kalzium-Gehalt. Die sind für Leute interessant, die wenig oder keine Milchprodukte mit knochenstärkendem Kalzium zu sich nehmen.

SPIEGEL ONLINE: Wovon hängt es ab, ob viele oder wenige Mineralstoffe im Wasser enthalten sind?

Bockholt: Von der Herkunft. Wir stellen in unseren Tests immer wieder fest, dass Wässer aus Mittelgebirgsregionen tendenziell mineralstoffhaltiger sind die aus der norddeutschen Tiefebene. Dort gibt es weniger Bodenschichten, aus denen das Wasser die Mineralstoffe aufnehmen kann.

SPIEGEL ONLINE: Die Belastungen mit Keimen und anderen Stoffen, von denen Sie sprechen, klingen beunruhigend. Besteht tatsächlich ein Gesundheitsrisiko?

Bockholt: Man muss die Befunde unterscheiden. Einzelne Wässer stellen zum Beispiel wegen der gravierenden Keimbelastung ein Gesundheitsrisiko für Immunschwache dar. Etliche Produkte widersprechen einfach der hohen Erwartung an Mineralwasser. Bei fünf Mineralwässern etwa haben wir Spuren von Verunreinigungen aus Landwirtschaft und Industrie gefunden, Pestizide und Korrosionsschutzmittel. Diese Spuren sind gesundheitlich unbedenklich, aber sie zeigen, dass die Quelle doch nicht so gut geschützt ist wie vorgeschrieben und wie man als Verbraucher glaubt.

SPIEGEL ONLINE: Welche Mineralwässer haben beim Test am besten abgeschnitten?

Bockholt: Die drei besten gehören auch zu den günstigsten. Es sind Edeka Gut & Günstig, Aldi Nord Quellbrunn Naturell und Rewe Ja Still. Alle drei kosten nur 13 Cent pro Liter. Leider bekommt man sie nur im Norden und Osten Deutschlands und nicht bundesweit. Im Süden und auch bundesweit erhältlich sind Adelholzener naturell für 67 Cent und Extaler Mineralquell Naturell für 46 Cent.

SPIEGEL ONLINE: Stilles Mineralwasser und normales Leitungswasser unterscheiden sich optisch nicht und vom Geschmack her kaum. Gibt es Qualitätsunterschiede?

Bockholt: Im Vergleich enttäuscht das Mineralwasser. Schon deshalb, weil man daran besondere Ansprüche hat. Beim Trinkwasser sind die Erwartungen nicht so hoch. Es muss sicher und rein sein, und das ist es laut unserer Stichprobenanalyse auch. Wir haben Trinkwasser aus 20 Orten auf 126 kritische Stoffe geprüft. Frei von Spuren unerwünschter Stoffe waren die meisten Proben zwar nicht, aber die Gehalte lagen im gesundheitlich unbedenklichen Bereich und unter den Grenzwerten der Trinkwasserverordnung. Jeder kann dieses Wasser ein Leben lang trinken.

SPIEGEL ONLINE: Worin unterscheiden sich Mineralwasser und Leitungswasser eigentlich genau?

Bockholt: Mineralwasser stammt aus einer geschützten, unterirdischen Quelle. Von dort aus fördern es Brunnenbetriebe direkt nach oben. Sie dürfen es nur minimal behandeln, zum Beispiel Eisen entfernen, und müssen es dann quasi an der Quelle abfüllen. Das Trinkwasser hat meist einen verschlungeneren Weg hinter sich. Es wird aus Grundwasser oder aus Flüssen, Seen und Talsperren gewonnen und in Wasserwerke geleitet. Das Grundwasser liegt oft nicht so tief wie die Quellen des Mineralwassers und muss auch nicht von einer Bodenschicht wie Ton geschützt sein. Im Wasserwerk wird das spätere Trinkwasser mit verschiedenen Methoden aufbereitet, zum Beispiel mit mikrobiologischen Verfahren gefiltert und gereinigt. Am Ende muss ein Wasser herauskommen, das der Trinkwasserverordnung entspricht.

SPIEGEL ONLINE: Ist es nicht verwunderlich, dass das Grundwasser nicht stärker belastet ist? Pestizide aus der Landwirtschaft, Nitrate, das fließt doch alles da rein. Und das aufbereitete Abwasser aus den Kläranlagen kommt ja auch wieder in den Wasserkreislauf zurück.

Bockholt: Das Grundwasser ist teilweise auch ziemlich belastet. Dort findet man schon umweltkritische Stoffe. Aber die Wasserwerke leisten sehr gute Arbeit.

SPIEGEL ONLINE: Kann ich als Verbraucher selbst etwas dazu beitragen, dass das Wasser weniger belastet wird?

Bockholt: Sie können zum Beispiel dafür sorgen, dass weniger Medikamente in den Wasserkreislauf geraten. Abgelaufene Medikamente sollten auf keinen Fall in der Toilette entsorgt werden. Man kann sie in der Apotheke abgeben oder in den Restmüll werfen, so dass sie verbrannt werden. Auch wer die Biolandwirtschaft unterstützt, tut etwas fürs Trinkwasser – Biobauern bringen weniger Dünger und Pestizide auf den Feldern aus, die das Grundwasser verunreinigen können.

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25.06.2019, 17:23 Uhr
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SPIEGEL ONLINE: Viele Menschen verwenden Wassersprudler, um das Leitungswasser mit Kohlensäure zu versetzen. Die Sprudler haben Sie auch getestet. Was ist dabei herausgekommen?

Bockholt: Zunächst, dass es nicht unbedingt billiger ist zu sprudeln, als ein preiswertes Mineralwasser vom Discounter zu kaufen. Man kommt in beiden Fällen, gerechnet auf 1,5 Liter am Tag und höchster Sprudelstufe, auf etwa 71 Euro im Jahr. Das liegt daran, dass die Kohlensäurezylinder ziemlich teuer sind. Allerdings spart man sich die Schlepperei und verbraucht keine Verpackungen.

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25.06.2019, 17:25 Uhr
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SPIEGEL ONLINE: Welches Gerät hat am besten abgeschnitten?

Bockholt: Testsieger sind Soda Trend Style für weniger als 100 Euro und Aarke Carbonator II für mehr als 150 Euro. Die Preise unterscheiden sich enorm. Viele Leute haben den Soda Stream Easy für 65 Euro zuhause stehen. Dieses Gerät wurde auch gut bewertet.

SPIEGEL ONLINE: Jeder Mensch sollte täglich eineinhalb Liter Wasser trinken. Unterm Strich: Wie nehme ich diese Menge Wasser am besten zu mir?

Bockholt: Wenn man Geld sparen und die Umwelt schonen möchte, ist Trinkwasser die beste Option. Das ist einwandfrei, und wir haben berechnet, dass man in Deutschland im Durchschnitt nur 2,11 Euro im Jahr bezahlt, wenn man jeden Tag 1,5 Liter trinkt. Natürlich spricht aber nichts gegen ein gutes Mineralwasser. Das ist vor allem für Leute geeignet, denen ihr Trinkwasser nicht schmeckt oder die Vorstellung gefällt, dass Mineralwasser direkt aus der Erde kommt.

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